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Staat und Familie in Pakistan : Von Onkels und Regenten

  • -Aktualisiert am

Arbeit, Sport und Spiel, die Familie macht mobil: auch bei diesem Tuchfärber aus Peschawar mit seiner Tochter und deren Freundin. Bild: AP

Wenn der Staat nichts bieten kann, sorgt der Clan für die Absicherungen des Lebens: Wie das Family System in Pakistan funktioniert.

          6 Min.

          Bei den Parlamentswahlen in Pakistan ist die Partei des ehemaligen Cricketspielers Imran Khan (PTI) zur zweitstärksten Kraft geworden. Die Bekämpfung des Nepotismus ist ein zentraler Punkt ihres Programms, Parteiämter sollen durch Abstimmungen und nicht als Gunstbezeigung vergeben werden. Eine ganz neue Mode im politischen System Pakistans, das wie die Wählerschaft selbst auf Familien- und Clanbeziehungen setzt.

          Pakistan besitzt eine witzige, vitale und bei allem Chaos erstaunlich funktionierende Gesellschaft, und der Irrwitz dabei ist, dass diese Tatsache kaum nach außen dringt. Wer würde schon meinen, dass etwas funktioniert in einem Land, das durch Terroranschläge, politische Instabilität, Armut und Korruption gegeißelt ist und dessen Ruf kaum ruinöser sein könnte?

          Pakistan - der gescheiterte Staat

          Dass aber am Flughafen Abu Dhabi verlorengegangene Koffer unbeschädigt in Lahore ankommen, dass die Post verlässlich ausgetragen wird, dass die im Lande neuartigen, aber schon sehr begehrten Cappuccinos und Muffins ziemlich gut schmecken, dass so viele Pakistaner ein gewandtes Englisch sprechen, dass sie tagtäglich miteinander handeln, voneinander lernen und auch insgesamt fortkommen - obwohl der Staat so wenig dazu beitragen kann - ist doch erstaunlich. Oft hört man die Pakistaner selbst in Verwunderung ausbrechen: Komisch, dass es klappt!

          Pakistan gilt gemeinhin als gescheiterter Staat, der sich vom Bruderkrieg mit Indien nicht emanzipieren mag, der ein neurotisches Verhältnis zu Amerika pflegt und sich lieber in den von Militär und Geheimdienst inszenierten Nebelgefechten verirrt, statt sich auf innenpolitische Reformen und strukturellen Wandel zu konzentrieren. Nur wird bei dieser Betrachtungsweise zwischen Staat und Gesellschaft nicht angemessen differenziert. Die Gesellschaft hat nämlich eine Alternative zum Staat, sie fußt auf dem so genannten Family System, das den Einzelnen trägt und alles Versagen des Staates auszugleichen sucht.

          Arrangements zwischen Ausbeutung und Selbstverantwortung

          Für uns, die einen Sozialstaat genießen, ist das Family System schwer zu verstehen. Für Pakistan aber muss man diesen Begriff radikal denken: Die Familie ist der Hauptarbeitgeber im Land und nicht das Militär, wie oft falsch behauptet wird, denn in den Haushalten des Mittelstandes und der Oberschicht arbeiten Millionen Menschen aus der Unterschicht. Ganze Familien und Generationen in regelrechter Erbfolge - vom Greis bis zum Kind - werden in den Privathaushalten beschäftigt, wobei Einzelne oft nur kleine Aufgaben übernehmen und kleines Geld dafür sehen, das aber konstant über das ganze Leben hinweg.

          Da kommt morgens ein junges Mädchen ins Haus, das die Betten macht und bügelt, eine ältere Frau wäscht, schleudert und trocknet mittags und ein alter Diener geht auf den Markt und trägt die Lebensmittel und fährt das Auto. Ob solche Arrangements eher ausbeuterisch oder sozialverantwortlich gemanagt werden, ist oft Glückssache.

          Doch unterhalten die Privathaushalte mit ihrer Dienerschaft regelrechte Zweitfamilien, denen man bei Krankheit, Hochzeit und Not immer etwas zustecken muss, denn alle sind darauf angewiesen, gut miteinander auszukommen. Diese Maßgabe gilt im Übrigen für die Familie des Grafen Grantham im fiktiven „Downtown Abbey“ der gleichnamigen britischen Fernsehserie genauso wie für jeden betroffenen Haushalt in Pakistan. Doch darf nicht aus dem Blick geraten, dass praktisch kein Staat und keine Gewerkschaft die objektiven Interessen und Rechte der pakistanischen Dienerschaft vertritt.

          Familien sind auch der einzige Gewährleister für Mobilität, da der Ausbau des Nahverkehrs noch in seinen Kinderschuhen steckt. In der punjabischen Distrikthauptstadt Lahore wurde im Februar 2013 nach über zwanzigjähriger Planung die erste Strecke eines modernen Metrobus-Systems eingeweiht, das siebenundzwanzig Kilometer umfasst und zwanzig Stationen zählt. Es wurde mit Hilfe der türkischen Regierung nach Istanbuler Modell gebaut und wird ersten Schätzungen zufolge von 130 000 Menschen täglich genutzt.

          Das traurige Los der Frauen

          Bei einer Stadtbevölkerung von dreizehn Millionen, die tagtäglich im Stau steckt und einen bestialischen Smog erduldet, ist dieses System deutlich ausbaufähig. Zum Vergleich, wenn er auch hinkt: Die Berliner Verkehrsbetriebe behaupten, in ihrem Einzugsgebiet von 3,5 Millionen Personen bis zu 3 Millionen Beförderungen pro Tag abzuleisten (was Einstiege, nicht Fahrgäste meint). Doch der öffentliche Transport ist schon bei der pakistanischen Mittelschicht extrem verpönt, und er kann objektiv nicht jedem zugemutet werden.

          So sind insbesondere Frauen auf die familiäre Unterstützung bei der Mobilität angewiesen, sie werden von ihren Verwandten oder einem familieneigenen Fahrer gefahren, wenn sie nicht sogar selbst am Steuer sitzen - nachdem die Familie ihnen ein Auto gekauft hat.

          Hineinwachsen in staatliche Institutionen durch Heirats- und Geldpolitik

          Es sind auch die Familien, die die Politik des Landes beherrschen. Man spricht immer von den Dynastien der Großgrundbesitzer, aber es sind gleichzeitig Familien, die sich eigene Parteien halten und über Heirats- und Geldpolitik in alle staatlichen Institutionen hinein wachsen, die Familie Bhutto und ihre Partei PPP (Pakistan People Party) ist hier beispielhaft zu nennen.

          Doch besaßen die Bhuttos bereits im neunzehnten Jahrhundert im Sindh großen Einfluss, den sie durch alle Epochen weiter auszubauen wussten. Sie brachten zwei Premierminister hervor, die beide gewaltsam starben: Ali Zulfikar wurde 1979 nach dem Militärputsch Zia-ul-Haqs gehängt, seine Tochter Benazir starb 2007 bei einem Bombenattentat.

          Die Verflechtungen des Nawaz Sharif 

          Nach Benazirs Tod wurde ihr neunzehnjähriger Sohn umgehend zum neuen Parteivorsitzenden gewählt, und ihr Gatte Asif Zadari, gegen den internationale Ermittlungen in Fällen von Anstiftung zum Mord, Erpressung und Korruption laufen und der in diesem Zusammenhang bereits hohe Haftstrafen absaß, ist seit 2008 Pakistans Staatspräsident. Das Volk nennt ihn zärtlich „Mister Ten Percent“, was eine vergleichsweise moderate Provision bei der Vergabe staatlicher Aufträge für einen mutmaßlichen Gauner darstellt. Die Geschichte der Familisierung des Staates durch den Bhutto-Clan wird wohl lange noch nicht zu Ende sein.

          Die familiären Verflechtungen des Wahlgewinners Nawaz Sharif darf man keinesfalls unterschätzen: er stammt aus der schwerreichen Sharif-Familie, ihr gehört die Ittefaq-Group, die seit 1939 in der Stahlindustrie tätig ist, aber auch Textilien und Lebensmittel produziert.

          Die Familie als Universalagentur 

          Als Zulfikar Bhutto 1972 die Stahlindustrie und auch die Ittefaq-Group verstaatlichte, begann eine erbitterte Fehde zwischen den Bhuttos und den Sharifs, die bis heute die Parteienlandschaft und Politik prägt. Durch die Unterstützung des Diktators Zia-ul-Haq wurde der Konzern 1980 den Sharifs rückübertragen, und Nawaz Sharif - der es öffentlich und mit großem rhetorischen Pathos ablehnte, der Seele des verstorbenen Zulfikar Bhutto je zu vergeben - gilt seither als politischer Ziehsohn ul-Haqs.

          Für den normalen Pakistaner ist die Familie die Universalagentur all seiner Lebensentscheidungen: Ob Ausbildung, Ehe, Arbeit, Altersversorgung oder Wahl des Wohnortes - die Familie bestimmt, unterstützt, arrangiert. Wie in jeder klugen Politik gilt auch bei den Pakistanern die freiwillige Fügung in die Richtlinien viel, im besten Fall kann es zu Kompromissen kommen, die sich in Liebesheiraten, aber auch in erfüllten Ausbildungs- und Berufswünschen ausdrückt.

          Die Familie hält Pakistan auf seltsame Weise vital

          Dennoch: „Siebzig Prozent aller Ehen werden in Pakistan mit dem Cousin ersten Grades geschlossen - diese Rate ist die höchste weltweit“, erläutert der Pakistan-Experte Dr. Thomas Gugler vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster.

          Denn jede Heirat bringt eine große Zahl neuer - oftmals unterstützungsbedürftiger - Verwandte mit sich, und durch Cousin-Ehen kann deren Zahl besser begrenzt werden. Auch Gugler erkennt im Family System den wesentlichen Faktor für Pakistans seltsame Vitalität: „ Die prekären Bedingungen, die Pakistan auf der Makroebene prägen, werden auf der Mikroebene durch die Familie und die Familienverbände korrigierend ausbalanciert.“

          Spannungen durch Globalisierung

          In dieser Situation wirkt die Globalisierung als Segen und Fluch zugleich: Die Rücküberweisungen, vor allem der Gastarbeiter in den Golfländern, sind wohl der einzige Grund, dass Pakistan nicht völlig bankrott ist. „2012 überwiesen die über 6 Millionen Pakistaner, die im Ausland arbeiten, insgesamt 13 Milliarden US-Dollar an ihre Familien in Pakistan“, sagt Gugler. Dennoch trägt die Globalisierung, wie anderswo in der Welt, enorm zu den Spannungen bei, die zwischen Modernisierung und Tradition, Mobilisierung und Verharrung, Stadt und Land herrschen.

          Für diejenigen pakistanischen Familien, die sich mit ihrer religiös verhafteten, dabei der Gesellschaft zugewandten Ethikkonzeption dem Fortschritt verschreiben, wird sich zeigen, ob sie weiterhin als totale Lebensagenturen funktionieren können.

          Was muss der Staat leisten?

          Wenn Frauen arbeiten gehen, statt Kinder zu hüten, zu kochen und die Alten zu versorgen, und wenn Diener zur Schule gehen, statt zu bügeln und zu waschen, und wenn Männer individuelle Lebensentscheidungen treffen, statt die Last der finanziellen Versorgung Dutzender Verwandter auf ihre Schultern zu laden, dann wird erprobt, ob das Wegbrechen des Family System durch einen zukünftigen Staat aufgefangen werden kann. Durch einen Staat, der sich der Daseinsvorsorge seiner Bürger gewissenhaft annimmt, aber die Staatsführung selbst nicht zur Familiensache macht.

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