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Staat und Familie in Pakistan : Von Onkels und Regenten

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Doch unterhalten die Privathaushalte mit ihrer Dienerschaft regelrechte Zweitfamilien, denen man bei Krankheit, Hochzeit und Not immer etwas zustecken muss, denn alle sind darauf angewiesen, gut miteinander auszukommen. Diese Maßgabe gilt im Übrigen für die Familie des Grafen Grantham im fiktiven „Downtown Abbey“ der gleichnamigen britischen Fernsehserie genauso wie für jeden betroffenen Haushalt in Pakistan. Doch darf nicht aus dem Blick geraten, dass praktisch kein Staat und keine Gewerkschaft die objektiven Interessen und Rechte der pakistanischen Dienerschaft vertritt.

Familien sind auch der einzige Gewährleister für Mobilität, da der Ausbau des Nahverkehrs noch in seinen Kinderschuhen steckt. In der punjabischen Distrikthauptstadt Lahore wurde im Februar 2013 nach über zwanzigjähriger Planung die erste Strecke eines modernen Metrobus-Systems eingeweiht, das siebenundzwanzig Kilometer umfasst und zwanzig Stationen zählt. Es wurde mit Hilfe der türkischen Regierung nach Istanbuler Modell gebaut und wird ersten Schätzungen zufolge von 130 000 Menschen täglich genutzt.

Das traurige Los der Frauen

Bei einer Stadtbevölkerung von dreizehn Millionen, die tagtäglich im Stau steckt und einen bestialischen Smog erduldet, ist dieses System deutlich ausbaufähig. Zum Vergleich, wenn er auch hinkt: Die Berliner Verkehrsbetriebe behaupten, in ihrem Einzugsgebiet von 3,5 Millionen Personen bis zu 3 Millionen Beförderungen pro Tag abzuleisten (was Einstiege, nicht Fahrgäste meint). Doch der öffentliche Transport ist schon bei der pakistanischen Mittelschicht extrem verpönt, und er kann objektiv nicht jedem zugemutet werden.

So sind insbesondere Frauen auf die familiäre Unterstützung bei der Mobilität angewiesen, sie werden von ihren Verwandten oder einem familieneigenen Fahrer gefahren, wenn sie nicht sogar selbst am Steuer sitzen - nachdem die Familie ihnen ein Auto gekauft hat.

Hineinwachsen in staatliche Institutionen durch Heirats- und Geldpolitik

Es sind auch die Familien, die die Politik des Landes beherrschen. Man spricht immer von den Dynastien der Großgrundbesitzer, aber es sind gleichzeitig Familien, die sich eigene Parteien halten und über Heirats- und Geldpolitik in alle staatlichen Institutionen hinein wachsen, die Familie Bhutto und ihre Partei PPP (Pakistan People Party) ist hier beispielhaft zu nennen.

Doch besaßen die Bhuttos bereits im neunzehnten Jahrhundert im Sindh großen Einfluss, den sie durch alle Epochen weiter auszubauen wussten. Sie brachten zwei Premierminister hervor, die beide gewaltsam starben: Ali Zulfikar wurde 1979 nach dem Militärputsch Zia-ul-Haqs gehängt, seine Tochter Benazir starb 2007 bei einem Bombenattentat.

Die Verflechtungen des Nawaz Sharif 

Nach Benazirs Tod wurde ihr neunzehnjähriger Sohn umgehend zum neuen Parteivorsitzenden gewählt, und ihr Gatte Asif Zadari, gegen den internationale Ermittlungen in Fällen von Anstiftung zum Mord, Erpressung und Korruption laufen und der in diesem Zusammenhang bereits hohe Haftstrafen absaß, ist seit 2008 Pakistans Staatspräsident. Das Volk nennt ihn zärtlich „Mister Ten Percent“, was eine vergleichsweise moderate Provision bei der Vergabe staatlicher Aufträge für einen mutmaßlichen Gauner darstellt. Die Geschichte der Familisierung des Staates durch den Bhutto-Clan wird wohl lange noch nicht zu Ende sein.

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