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Nachlässige Grammatik : Osteoporose im Sprachskelett

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Um einen lästigen Buchstaben zu vermeiden

Volkstümliches Paradebeispiel, das inzwischen Kultstatus erlangt hat, ist der Wortwechsel zwischen einem bekannten Fußballspieler und dem amtierenden Schiedsrichter aus dem Jahr 1965. „Herr Lippens, ich verwarne Ihnen!“ – so der Schiedsrichter. „Ich danke Sie!“ – so der Fußballspieler in seiner ironischen Antwort. Doch nicht nur in sportlichen Freizeitmilieus findet derartiger Kasuswechsel statt. Auch in qualitätsbewussten Medien begegnen wir solch morphologischem Drunter und Drüber. So klagt ein bekannter Autor: „Mir fror“, ein anderer verspricht „ein weltoffenes Deutschland, basierend auf christlichen Werte“.

Mit fast gesetzmäßiger Häufigkeit wird in festen Fügungen der Genitiv durch den Dativ ersetzt: Man „wird einem Problem Herr“, „gedenkt vielen Toten“, „nimmt sich einem Thema an“ und „bedient sich einem Trick“. Die Versuchung solchen Kasuswechsels ist umso größer, wenn man auf diese Weise das lästige Genitiv-s vermeiden kann.

Nichts anderes als grammatische Logik

Unsere Toleranzbereitschaft für derartige sprachliche Marscherleichterungen erlischt vollends, wenn ein bekannter Schriftsteller mitteilt: „Als Freundin wusste sie, wo ihren Freunden der Schuh drückt.“ Und gar Ratlosigkeit stellt sich ein, wenn man liest: „Statt der Fassaden, die doch nur vorgeben, eine Universität als Ganzen bewerten zu können ...“

Während manche Sprachbeobachter für solche Kasuswechsel doch noch ein gewisses Verständnis äußern, dürfte solche Duldung bei schludriger Kongruenz nicht mehr möglich sein. Denn Kongruenz, die Übereinstimmung zugehöriger Teile im Satz, ist nichts anderes als grammatische Logik. Und die ist – wie jede Art von Logik – unentbehrlich. Kongruenzfehler tragen zu Beschädigungen der Sprache bei.

Jahrhunderte der Klage

Kongruenz kann alle grammatischen Kategorien betreffen: Kasus, Numerus, Apposition, Genus. Jeweils ein Beispiel möge hier genügen. Nicht der erforderliche Dativ, sondern der Akkusativ wird verwendet: „Die New York Times meint zum Tod Epsteins und die daraus resultierenden Gerüchte ...“ Statt des Plurals kommt der Singular zum Zug: „Die Bevölkerung und auch die Beschäftigtenzahl wächst deutlich schneller.“ Besonders häufig werden Beisätze inkongruent formuliert: „Die Reise in der Transsib führt von Moskau nach Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei.“ Und im Reigen der misshandelten Kongruenz darf auch das grammatische Geschlecht nicht fehlen: „Der Baustofffachhandel hat auch neue Hallen für ihre Waren gebaut.“

Mein Vorschlag: sich weniger über Anglizismen und Jugendsprache zu entrüsten und mehr auf politisch und grammatisch korrekte Sprache zu achten. Auf diese Weise könnte man Schaden von der deutschen Sprache abwenden.

Allerdings stoßen Sprachkritiker seit langem solche Kassandrarufe aus – mit mäßigem Erfolg. Bereits im neunten Jahrhundert bemängelte der Mönch Otfrid von Weißenburg, dass die grammatischen Regeln nicht befolgt werden. Und tausend Jahre später, aber nun auch schon wieder vor mehr als einem Jahrhundert, lamentierte der Gymnasiallehrer Gustav Wustmann: „Wohin man blickt, sieht man jetzt eine immer ärger werdende grammatische Fehlerhaftigkeit.“ Dennoch: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Theo Stemmler lehrte bis zur Emeritierung Anglistik in Mannheim.

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