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Sprachkritik : Solidarität mit dem Genitiv

Nachhilfe für die Nation: Bastian Sick Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Da sage noch einer, die Deutschen interessierten sich nicht für Sprachregeln. Bestsellerautor Bastian Sick versammelt fast 15.000 Menschen in der Kölnarena und hält die bestbesuchte Deutschstunde der Welt. Ein Unterrichtsbesuch.

          Wer kurz nach 18 Uhr den Deutzer S-Bahnhof verläßt, muß nicht wissen, wo die Kölnarena liegt. Er kann einfach im Strom der Masse schwimmen und sich treiben lassen, denn alle gehen in dieselbe Richtung. Sie steigen aus Zügen, Straßenbahnen, Taxis, sie kommen scharenweise aus den gigantischen Parkhäusern, die auf dem Gelände verteilt sind, und vereinigen sich zu einem Zug der zehntausend Wißbegierigen, der allerdings zunächst einmal aussieht, als handle es sich um die Besucher eines ganz gewöhnlichen Popkonzerts.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Bevor es losgeht, kann man noch in Ruhe eine Currywurst essen und ein Bier trinken, die Stehtischchen mit den wenigen Aschenbechern sind von den Rauchern umlagert, vierzehnjährige Mädchen haken sich in Fünfergruppen unter und rauschen in fester Schlachtordnung mit einem Affenzahn an den Jungs vorbei, die ihnen johlend, pfeifend oder einfach nur schicksalsergeben hinterhersehen. Kaum einer nimmt die Verfolgung auf. Das ist verständlich, denn mit den überwiegend offenen Schnürsenkeln ihrer etwa schlauchbootgroßen Turnschuhe hätten sie keine Chance gegen die gleichaltrigen Hochgeschwindigkeitshühnchen. Da ist es klüger, einfach stehenzubleiben, denn die Gänge der Kölnarena bilden einen Rundkurs um den gigantischen Zuschauerraum, und die Formationsläuferinnen kommen ohnehin im Nu wieder vorbei. Ältere Herrschaften blinzeln versonnen in das bunte Treiben, junge Damen, offensichtlich angehende Lehrerinnen im Referendariat, schimpfen energisch über Supervision und Unterrichtsbesuche: „Na ja, sag' ich da zu der dummen Kuh, studiert haben wir ja schließlich alle.“

          Glühwürmchen im Kommunikationsrausch

          Wer hier männlich, über Vierzig und ohne Oberstudienratskinnbart ist, läßt sich schnell noch einen wachsen. Der Fan-Shop der Kölnarena offeriert Ferngläser für fünf Euro und blinkende Herzen mit Griff, die man schwenken kann, wenn einem gerade romantisch zumute ist. Zum ersten sanften Song der Kölner A-cappella-Truppe „Basta“ schwenken die Mädchen später allerdings lieber ihre Handys, deren Displays leuchten: Glühwürmchen im Kommunikationsrausch.

          Der Genitiv lebt

          Das war der Pausenhof. Jetzt geht's ins Klassenzimmer. Es hat fünfzehntausend Stühle, aber nur eine Handvoll Pulte. Die stehen auf der Bühne. An der Decke hängt eine große Anzeigentafel: Heim-Gäste, Fouls. Die beim Eishockey üblichen Strafzeiten werden an diesem Abend nicht verhängt, obwohl der Moderator das schlimmste Foul begeht, das ein Moderator begehen kann: Er benimmt sich, als wäre er der Star des Abends. Der Star soll aber Bastian Sick sein, der Sprachkolumnist von „Spiegel Online“, dessen gesammelte Glossen zu Fragen der Rechtschreibung und Grammatik sich bislang mehr als zwei Millionen Male verkauft haben. Sick liest im Laufe des Abends mehrere dieser Kolumnen, und so lässig, wie er die eigenen Texte einleitet und plaudert, hätte er den Abend vielleicht besser selbst moderiert. Sicks wichtigstes Verdienst aber ist etwas ganz anderes. Sein Erfolg beweist, was kein Verlag und kein Rundfunk- oder Fernsehsender für möglich gehalten hätte: daß man mit dem vermeintlich spröden Thema der Sprachkritik ein großes Publikum erreichen kann, ohne sich dabei anzubiedern.

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