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Sprachkritik : Solidarität mit dem Genitiv

Der Star des Abends, das soll aber vor allem die deutsche Sprache sein. Schon am Deutzer S-Bahnhof hatte die „Bürgerbewegung Pro Köln“ verkündet, Deutsch sei „geil“, und neben dem Verbot von Tierferntransporten und Koranschulen auf Kölner Boden getrennte Schulklassen für „deutsche Muttersprachler“ und „Zuwandererkinder“ gefordert. Die Schulklassen, die aus Köln, Remscheid, Mönchengladbach und dem halben Rheinland herbeigekarrt wurden, schenken dem keinerlei Beachtung. Sie lauschen Sicks Lesung und lachen über seine Nachbarin, die nicht zu Aldi geht, sondern nach Aldi. Sie langweilen sich bei der nahezu pointenfreien Rede, mit der der Schauspieler Joachim Hermann Luger das Gewäsch von Politikern karikieren möchte, aber nur schlechtes Kabarett produziert. Sie begrüßen Jürgen Rüttgers, den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, mit Pfiffen und wundern sich dann über die Schlagfertigkeit, die der Politiker im Interview mit Frank Plasberg an den Tag legt. Sie johlen und stampfen, als die Komikerinnen Cordula Stratmann und Annette Frier aus der „Schillerstraße“ auf die Bühne treten und eine Kolumne Sicks über „Italienisch für Anfänger“ zu einem absurden Mini-Drama ausbauen, in dessen Verlauf die Tücken der italienischen Mehrzahlbildung im Restaurant geradezu lebensbedrohliche Folgen annehmen: vom wilden Scamp gebissen.

Zwischendurch erzählt Wladimir Kaminer vom Spracherwerb eines Russen in Deutschland, und „Basta“ singt über den dreifachen Wortsinn von Alleinunterhaltern, die Auftritte haben, Unterhalt zahlen und Selbstgespräche führen. All das ist witzig, unterhaltsam, hat gelegentlich deutliche Längen und läßt keinerlei Aufschluß darüber zu, wie es eigentlich kommt, daß sich an diesem Abend dreizehn- bis vierzehntausend Menschen in der Kölnarena versammelt haben, um mit Bastian Sick an der „größten Deutschstunde der Welt“ teilzunehmen. Das bleibt ein Rätsel.

Tendenz zur Zweifarbigkeit

Gewiß, der Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde lockt, und die Schüler wurden zur Teilnahme angehalten. Nur einige Besucherblöcke bleiben leer, die emsigsten sind brav zum Abendunterricht erschienen. Aber selbst wenn man alle Schüler abrechnet, sind immer noch mehrere tausend erwachsene Menschen im Saal, die einige Euro Eintritt gezahlt haben, um an einer Veranstaltung teilzunehmen, die sich „Deutschstunde“ nennt. Die Sehnsucht nach Nachhilfeunterricht scheint groß zu sein. Mit Blick auf den Wahnwitz der Rechtschreibregeln kann man da nur sagen: Interessiert euch für Regeln, solang' es sie noch gibt.

Aber am Ende wird auf die Regeln auch schon wieder gepfiffen. Drei Fragen soll das Publikum im Saal beantworten und die richtige Antwort jeweils mit einer farbigen Stimmkarte signalisieren, rot, gelb oder grün. Die erste Frage haben alle richtig, die Halle wedelt ganz in Rot. Bei der zweiten Frage zeigt sich eine leichte Tendenz zur Zweifarbigkeit. Bei der dritten, der leichtesten Prüfung, passiert die Überaschung. Auf die Frage, ob man nach, zu oder bei Aldi gehe, halten viele Schüler entschlossen alle drei Stimmzettel in die Höhe.

Es ist, wie es immer war, kurz bevor der Gong das Ende des Unterrichts verkündet: Anarchie bricht sich Bahn. Auf den Fluren wird jetzt geschubst und gedrängelt, und die Hochgeschwindigkeitshühnchen sind schon fast wieder in der S-Bahn, als die Klassenstreber noch immer unter der leeren Anzeigetafel in der Halle grübeln, ob es nicht statt „größter Deutschstunde“ doch besser „größte Deutschklasse“ hätte heißen sollen. Egal, der Lehrer wird's schon wissen.

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