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Sprachfestival : Unser geliebtes Deutsch

  • -Aktualisiert am

Edda Moser (l.) dirigiert die Sprachpflegerschaft Bild: F.A.Z.-Rainer Wohlfahrt

Ein Abend „im Gedenken an einen kranken Freund“: Auf der Rudolstädter Heidecksburg kämpft die Sängerin Edda Moser mit Schauspielern und Politikern für die Rettung der deutschen Sprache. Anglizismen müssen draußen bleiben.

          Die hohen Auflagen, die sprachkritische oder -pflegerische Bücher, etwa eines Bastian Sick, erzielen, wären nicht denkbar, wenn es sich bei der Sprache um ein Elitenthema handelte, um etwas, für das sich nur Fachleute interessieren. Das sprachkritische Interview, das die Kammersängerin Edda Moser dieser Zeitung gab (siehe: Interview: „Unsere Sprache verendet wie ein krankes Tier“), provozierte so viele Leserbriefe wie wenige andere Themen. Jeder hat eine Sprache, und jeder meint, im Besitz der richtigen zu sein.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Deswegen kann es gut sein, daß vor dem ersten „Festspiel der Deutschen Sprache“ auf der Rudolstädter Heidecksburg, das die Kammersängerin Edda Moser initiiert und organisiert hatte, mancher mit einem offenen Messer in der Tasche auf seinem Stuhl saß, bereit, beim erstbesten Sprachschnitzer zuzustoßen. Aber da war Edda Moser vor, die mit gewinnender Wärme sogleich klarstellte, worum es hier ging: Man habe sich versammelt „im Gedenken an einen kranken Freund“, und diesen Freund wolle man gesund pflegen. Das war schon deshalb ein guter Anfang, weil Frauen normalerweise eher bei der Hand sind mit diesen albernen Femininum-Endungen - denn dieser Freund war und ist natürlich die deutsche Sprache, die man vor ihrem Todfeind, dem Anglizismus, schützen will.

          Äußerst pflegebedürftig

          Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Die Heidecksburg, auf der an diesem gut zweistündigen Abend vier versierte Sprecher aus deutscher Dichtung vorlasen, war dafür zweifellos ein würdiger Ort, auch wenn man leider sagen muß, daß sich dessen Innenhof-Fassaden ungefähr in dem Zustand befinden, den Frau Moser der deutschen Sprache attestiert hat: äußerst pflegebedürftig. Wer den geräumigen Burg-Innenhof durchquert, der wird hier und da sogar einen stechenden Uringeruch registrieren; das ist weniger schön. Hier hat die „Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten“ ihre Verwaltung. Mit dem Hinweisschild sind wir schon mitten in der Sprache: Wenn der Genitiv, wofür einiges spricht, richtig ist, dann müßte es doch eigentlich auch heißen: „Stiftung Preußischen Kulturbesitzes“, oder nicht? Schlägt man im Gesetz von 1957 nach, dann stellt man fest, daß es eine „Stiftung ,Preußischer Kulturbesitz'“ errichtet hat. Die im alltäglichen Gebrauch später fortgefallenen Anführungszeichen beweisen, daß man es nicht mit einem frühen Beispiel der heute grassierenden Flexionsscheu zu tun hat.

          So schlendert man, da kommt plötzlich Wilhelm Wieben! Die „große alte Dame der Tagesschau“, wie Harald Schmidt ihn, übrigens nicht ohne Wiebens Zuspruch, einmal genannt hat, läßt schon mit ihrer Kleidung (dunkler Anzug, rosa Hemd, pinkfarbene Krawatte und Einstecktuch, den Mantel über die Schultern gehängt) keinen Zweifel daran, daß sich hier Sprachträger versammeln, denen es an Stilempfinden nicht mangelt. Machen wir gleich die Hörprobe: Wilhelm Wieben, der an diesem Abend nicht lesen wird, sondern nur Gast ist, stellt sich freundlich einem Fernsehteam zur Verfügung und sagt, warum er hier ist: „weil ich die deutsche Sprache liebe“. Und im Nu kommt Wilhelm Wieben auf Thomas Mann, Fontane „und auch Goethe“ zu sprechen: „Thomas Mann benutzt in seinen Romanen keine Anglizismen.“

          Wieben war ein bißchen verblüfft

          Hier will man schon spontan dazwischengehen, mit Verlaub, sehr verehrter Herr Wieben, aber das stimmt nicht, schon in den „Buddenbrooks“ sagt Christian andauernd „that's Maria!“, außerdem wird dort viel französisch gesprochen, aber das ist natürlich kein Anglizismus („that's Maria!“ aber auch nicht, es sind, der Unterschied wird von den Anglizismen-Hassern meistens vergessen, einfach englische Wörter) - man will also schon dazwischengehen, da präzisiert Wilhelm Wieben: Thomas Mann benutze Anglizismen höchstens „bewußt, als künstlerisches Mittel“. Aha. Diese Bewußtheit könnte man einem Sprachpanscher wie Jil Sander („Die Leute appreciaten meinen Stil“ oder so) allerdings auch zugutehalten. Aber lassen wir das. Wilhelm Wieben, auch das ließ sich unauffällig belauschen, sagt beim Weitergehen dann noch zu seinen Begleitern den guten deutschen Satz „Ich war heute morgen ein bißchen verblüfft über meine Kenntnis“ und hat den Test damit bestanden.

          Drinnen, im Foyer, wo schon Sekt getrunken wird, sieht es anders aus. Greifen wir uns einen Kurzdialog heraus. Frau: „Was strahlen Sie denn so?“ Mann: „Ich freue mich immer, wenn ich eine schöne Frau sehe.“ Frau: „Danke des Lobes.“ Danke des Lobes! Wenn das Schule macht, dann gute Nacht, Ihr Sprachpfleger. Wenn man so etwas hört, ist man geneigt, Verständnis zu haben für den ruppigen Ton, der sich unter Sprachfreunden zuweilen einschleicht. Alles, was nicht dem eigenen Stilempfinden entspricht, aber doch auch aus dem Mund von Mitmenschen kommt, wird als „Sprachmüll“ bezeichnet. Man muß ja nicht so weit gehen wie Jack Nicholson in dem Film „Besser geht's nicht“: „Wer in Metaphern spricht, kann mir mal den Schritt shampoonieren.“

          Glanz und Tiefe

          Leider war es so, daß sich die thüringische Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski mehr in den Abend einmischte, als einem Schirmherrn zusteht. Weil sie eine sicherlich gutgemeinte, aber auch etwas uninspirierte (Thüringen! Luther! Goethe! Man kennt das), obendrein nicht sonderlich berauschend betonte und insgesamt zu lange Rede hielt, mußte Wolfgang Frühwald, Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, sich in seiner kurzfassen. „Die Verbalität liegt an der Wiege der europäischen Kultur“, entwickelte er stichhaltig und sprach dabei das r so korrekt aus wie wahrscheinlich nur noch wenige andere deutsche Menschen. Dann kam die Drohung: Andere Nationen wie die französische setzten sich mit Verordnungen gegen Sprachpfusch zur Wehr, „wir mit diesem Festspiel - vorläufig“. So schwor Frühwald die Hörerschaft ein: „Glanz und Tiefe der Sprache - wir sollten sie uns nicht nehmen lassen.“ Über diesen Satz könnte man lange nachdenken: Was sollen wir uns nicht nehmen lassen - Glanz und Tiefe oder gleich die ganze Sprache?

          Die Sprache hatte dann das letzte Wort. Es lasen die Schauspieler Jutta Hoffmann, Mario Adorf, Otto Schenk und, spitzmündig-caesarengesichtig, der Dichter Reiner Kunze. Es gab viel Brecht, Goethe, Schiller, Lessing, Matthias Claudius, Heine, Kafka, Enzensberger und Kunze, also alles Qualitätsliteratur. Am besten lasen Adorf und Schenk. Adorf tat vielleicht des Guten hier und da ein zuviel, er overactete, könnte man sagen, wenn dies nicht - jetzt aber wirklich - ein Anglizismus wäre; und Schenk schoß gewissermaßen den Vogel ab (deutsche Redensart) mit dem fast freien Vortrag aus „Vorspiel auf dem Theater“ im „Faust“. Er las so beeindruckend, daß Wilhelm Wieben, der schon vorher mehrmals hin- und hergeruckelt war auf seinem Stuhl, sich nun bei einigen Wörtern gar nicht mehr zu lassen wußte.

          Frau Hoffmann muß nicht zahlen

          Am sympathischsten von den vieren war Jutta Hoffmann. Nachdem sie mit „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ geendet hatte, sagte sie sehr angenehm: „Ach, das war von Heinrich Heine, habe ich das gar nicht dazugesagt?“ So etwas gehört eben auch zu unserer Demokratie: nicht immer so tun, als müßten alle alles kennen, sondern jedem zugestehen, daß er etwas nicht weiß. Und dann sagte Jutta Hoffmann noch etwas anderes: Sie leitete ihre Inge-Müller-Lesung kurz ein und meinte dann „o. k.“, so in dem Sinne: Und damit wollen wir beginnen. O. k. - normalerweise hätte Jutta Hoffmann jetzt einen Euro zahlen müssen, denn Edda Moser verlangt Entsprechendes von ihren Studenten, mit durchschlagendem Erfolg übrigens (siehe noch einmal: Interview: „Unsere Sprache verendet wie ein krankes Tier“).

          Aber statt ihr ein Sparschwein unter die Nase zu halten, stellt sich die Gastgeberin für die Zugabe neben die anderen Leser auf die Bühne und liest, wunderbar warm, Matthias Claudius: „So legt euch denn, ihr Brüder, / In Gottes Namen nieder; / Kalt ist der Abendhauch./ Verschon' uns, Gott, mit Strafen, / Und laß uns ruhig schlafen! / Und unsern kranken Nachbarn auch!“ Das ist nicht totzukriegen - genausowenig wie das Deutsche, dem dieser würdige, so gar nicht angestrengt kulturbeflissene Abend sicherlich keinen Bärendienst erwiesen hat. Edda Moser, die, wie wir das auch tun sollten, auf eine Fortsetzung hofft, verabschiedete sich mit einem „Es ist vollbracht! Gute Nacht.“ So schlaf denn gut, du kranker Freund und Nachbar (deutsche) Sprache!

          Draußen noch etwas Unangenehmes: Ein dicker BMW parkt da mit der Aufschrift „VIP Shuttle-Service“. Was das nun wieder soll?

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