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Sprachfestival : Unser geliebtes Deutsch

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Drinnen, im Foyer, wo schon Sekt getrunken wird, sieht es anders aus. Greifen wir uns einen Kurzdialog heraus. Frau: „Was strahlen Sie denn so?“ Mann: „Ich freue mich immer, wenn ich eine schöne Frau sehe.“ Frau: „Danke des Lobes.“ Danke des Lobes! Wenn das Schule macht, dann gute Nacht, Ihr Sprachpfleger. Wenn man so etwas hört, ist man geneigt, Verständnis zu haben für den ruppigen Ton, der sich unter Sprachfreunden zuweilen einschleicht. Alles, was nicht dem eigenen Stilempfinden entspricht, aber doch auch aus dem Mund von Mitmenschen kommt, wird als „Sprachmüll“ bezeichnet. Man muß ja nicht so weit gehen wie Jack Nicholson in dem Film „Besser geht's nicht“: „Wer in Metaphern spricht, kann mir mal den Schritt shampoonieren.“

Glanz und Tiefe

Leider war es so, daß sich die thüringische Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski mehr in den Abend einmischte, als einem Schirmherrn zusteht. Weil sie eine sicherlich gutgemeinte, aber auch etwas uninspirierte (Thüringen! Luther! Goethe! Man kennt das), obendrein nicht sonderlich berauschend betonte und insgesamt zu lange Rede hielt, mußte Wolfgang Frühwald, Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, sich in seiner kurzfassen. „Die Verbalität liegt an der Wiege der europäischen Kultur“, entwickelte er stichhaltig und sprach dabei das r so korrekt aus wie wahrscheinlich nur noch wenige andere deutsche Menschen. Dann kam die Drohung: Andere Nationen wie die französische setzten sich mit Verordnungen gegen Sprachpfusch zur Wehr, „wir mit diesem Festspiel - vorläufig“. So schwor Frühwald die Hörerschaft ein: „Glanz und Tiefe der Sprache - wir sollten sie uns nicht nehmen lassen.“ Über diesen Satz könnte man lange nachdenken: Was sollen wir uns nicht nehmen lassen - Glanz und Tiefe oder gleich die ganze Sprache?

Die Sprache hatte dann das letzte Wort. Es lasen die Schauspieler Jutta Hoffmann, Mario Adorf, Otto Schenk und, spitzmündig-caesarengesichtig, der Dichter Reiner Kunze. Es gab viel Brecht, Goethe, Schiller, Lessing, Matthias Claudius, Heine, Kafka, Enzensberger und Kunze, also alles Qualitätsliteratur. Am besten lasen Adorf und Schenk. Adorf tat vielleicht des Guten hier und da ein zuviel, er overactete, könnte man sagen, wenn dies nicht - jetzt aber wirklich - ein Anglizismus wäre; und Schenk schoß gewissermaßen den Vogel ab (deutsche Redensart) mit dem fast freien Vortrag aus „Vorspiel auf dem Theater“ im „Faust“. Er las so beeindruckend, daß Wilhelm Wieben, der schon vorher mehrmals hin- und hergeruckelt war auf seinem Stuhl, sich nun bei einigen Wörtern gar nicht mehr zu lassen wußte.

Frau Hoffmann muß nicht zahlen

Am sympathischsten von den vieren war Jutta Hoffmann. Nachdem sie mit „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ geendet hatte, sagte sie sehr angenehm: „Ach, das war von Heinrich Heine, habe ich das gar nicht dazugesagt?“ So etwas gehört eben auch zu unserer Demokratie: nicht immer so tun, als müßten alle alles kennen, sondern jedem zugestehen, daß er etwas nicht weiß. Und dann sagte Jutta Hoffmann noch etwas anderes: Sie leitete ihre Inge-Müller-Lesung kurz ein und meinte dann „o. k.“, so in dem Sinne: Und damit wollen wir beginnen. O. k. - normalerweise hätte Jutta Hoffmann jetzt einen Euro zahlen müssen, denn Edda Moser verlangt Entsprechendes von ihren Studenten, mit durchschlagendem Erfolg übrigens (siehe noch einmal: Interview: „Unsere Sprache verendet wie ein krankes Tier“).

Aber statt ihr ein Sparschwein unter die Nase zu halten, stellt sich die Gastgeberin für die Zugabe neben die anderen Leser auf die Bühne und liest, wunderbar warm, Matthias Claudius: „So legt euch denn, ihr Brüder, / In Gottes Namen nieder; / Kalt ist der Abendhauch./ Verschon' uns, Gott, mit Strafen, / Und laß uns ruhig schlafen! / Und unsern kranken Nachbarn auch!“ Das ist nicht totzukriegen - genausowenig wie das Deutsche, dem dieser würdige, so gar nicht angestrengt kulturbeflissene Abend sicherlich keinen Bärendienst erwiesen hat. Edda Moser, die, wie wir das auch tun sollten, auf eine Fortsetzung hofft, verabschiedete sich mit einem „Es ist vollbracht! Gute Nacht.“ So schlaf denn gut, du kranker Freund und Nachbar (deutsche) Sprache!

Draußen noch etwas Unangenehmes: Ein dicker BMW parkt da mit der Aufschrift „VIP Shuttle-Service“. Was das nun wieder soll?

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