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Spanisches Lebensgefühl : Die Großzügigkeit geht heute unrasiert

Genuss unter freiem Himmel fördert die Geselligkeit, manchmal sogar das Maßhalten: Spanische Trinkszene, wohltemperiert in Madrid. Bild: Your_Photo_Today

Laut, gesellig und ohne Eichstrich am Glas: Trotz der anhaltenden Krise ist die iberische Fröhlichkeit ein verlässlicher europäischer Wert geblieben.

          Vor mehr als dreißig Jahren bestellte sich ein Student in einer Bar in Salamanca einen Milchkaffee und ließ sich auf eine Plauderei mit dem Mann hinter dem Tresen ein. Salamanca, kastilisches Herzland, Sitz von Spaniens ältester Universität und Zentrum der katholischen Orthodoxie, ist für internationale Sprachstudenten bis heute ein ebenso charmanter wie historisch überwältigender Ort. Damals lag das Ende der Diktatur noch keine zehn Jahre zurück; der Bischofssitz der Stadt war 1936 Francos Basislager beim Beginn des Bürgerkriegs gewesen, und die bürgerlichen Schichten Salamancas hatten den „Kreuzzug“ gegen die „Roten“ enthusiastisch unterstützt.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Wenige Jahre später trugen zahllose Straßen die Namen rechter Militärs. Und wer im Salamanca der achtziger Jahre nach dem Porträt des verstorbenen Diktators suchte, wurde (und wird bis heute) auf der Plaza Mayor fündig, wo die Köpfe berühmter Männer der Geschichte in den Sandstein gemeißelt sind, aus dem die wichtigsten Monumente der Stadt gebaut sind. Da stand ich also im Jahr 1985 und trank meinen Kaffee, als der Mann hinter dem Tresen fragte, woher ich sei. „Deutschland“, sagte ich. „Ah“, kam die Antwort, begleitet von begeistertem Nicken. „Alemania! Volkswagen! Hitler!“

          Im Jahr 1218 von Alfonso IX. gegründet: die Universität von Salamanca

          Es ist eines der witzigsten kulturellen Missverständnisse geblieben, die ich je erlebt habe. Denn natürlich versuchte ich dem Barmann zu erklären, das Deutschland der achtziger Jahre betrachte Hitler nicht als Helden, sondern als kapitalen Verbrecher, im Übrigen hätten wir jetzt eine Demokratie – „genau wie ihr“, sagte ich, weil ich annahm, der Mann müsse auf die spanische transición genauso stolz sein wie deutsche Professoren, die den Wandel des modernen Spanien in Büchern beschrieben hatten. Doch der Barmann hatte mit alldem nichts zu tun. Er demonstrierte gegenüber dem Sprachstudenten lediglich seinen Kommunikationswillen: Sieh, ich weiß etwas von deinem Land, ich habe ein Bild vor Augen. Dein Land hat eine hochsolide Automarke hervorgebracht, außerdem diesen Führer mit dem Schnurrbart. Kann man ihn „groß“ nennen? Jedenfalls kennt ihn jedes Kind, und das ist doch schon mal was.

          Ein starker Kitt

          Es war derselbe Barmann, der mir ein paar Tage später nachts um zwei Uhr einen Rotwein spendierte, weil ich kein Geld mehr in der Tasche hatte, und mir die erste Erfahrung spanischer Großzügigkeit verschaffte. Wenn es um Essen und Trinken geht, so die Idee, soll jeder teilhaben. Zusammenzukommen und die wichtigsten Dinge des Lebens in Gemeinschaft zu tun, das hat in Spanien noch immer einen hohen Stellenwert, ein fernes Echo der Zeit, in der die Mehrheit der Menschen zu wenig zu essen hatte.

          Don Quijote und Sancho Panza vor dem Torre de Madrid

          Nicht ganz zufällig ist der größte Roman der Weltliteratur, „Don Quijote“, auch der oberste Gasthaus- und Kneipenroman geblieben. Einen Eichstrich auf dem Glas gibt es in spanischen Bars bis heute nicht. Beim klassischen Cocktail wird eine handballgroße copa mit sechs bis neun Eiswürfeln gefüllt, und dann gießt der Barmann so lange Whisky oder Wodka drauf, bis man stopp sagt. Wie sich auf diese Weise ein Geschäft machen lässt, weiß ich nicht. Aber vermutlich kommt es den Leuten darauf nicht an.

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