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Spanien in der Corona-Krise : Warten auf den Prado

Menschenleer: der Prado in Madrid. Bild: dpa

In Spanien gilt der Lockdown noch immer. Doch langsam erwacht das kulturelle Leben wieder. In der kantabrischen Hauptstadt Santander hat das erste Museum jetzt wieder geöffnet.

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          Das jüngste der spanischen Kunstmuseen machte den Anfang. In Santander streifen im Centro Botín wieder die ersten Besucher durch das Ufo-artige Gebäude, das Renzo Piano vor drei Jahren an der Atlantikbucht gebaut hat. Im hohen Norden erwacht die spanische Kulturlandschaft zaghaft zu neuem Leben. Am ersten Tag kamen nur wenige Dutzend Menschen aus Santander und Umgebung. „Die Zahlen sind nicht wichtig. Entscheidend ist, dass wir wieder offen sind. Ich fühlte mich an den Tag erinnert, als wir das Museum einweihten“, freut sich der Generaldirektor der Botín-Stiftung Iñigo Sáenz de Miera. Jetzt sei Kunst bedeutender denn je, meint der Museumsdirektor, dessen Haus weniger auf Eintrittsgelder angewiesen ist. Die finanzielle Unabhängigkeit verdankt es der Unterstützung durch die Bankiersfamilie Botín, die zu den Gründern der Santander-Bank gehörte und seit Generationen deren Präsidenten stellt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das Coronavirus hat Spanien härter getroffen als Deutschland und viele andere Länder. Ende Juni hofft die Regierung, die „neue Normalität“ zu erreichen. Knapp die Hälfte des Landes kam gerade in die erste Phase des Stufenplans, darunter auch die kantabrische Hauptstadt Santander. Dann dürfen Museen auf einem Drittel ihrer Fläche öffnen – mit Sicherheitsabstand, ohne Gruppenführungen und Audioguide. Aber das Centro Botín ist bisher ein einsamer Pionier. Im benachbarten Bilbao wird das Guggenheim-Museum noch bis zum 1.Juni geschlossen bleiben. Dann sollen im baskischen „Kultursommer“ alle Sammlungen der Region öffnen. Auf den Junianfang konzentrieren sich auch in Madrid alle Hoffnungen: In der Hauptstadt sollen in der ersten Hälfte des nächsten Monats die Bilder von Prado, Reina Sofía und Thyssen-Sammlung wieder zu sehen sein – das letzte Wort über die Kunst hat der Gesundheitsminister: Madrid und Barcelona schafften es in dieser Woche nicht in die erste Lockerungsphase, weil sie Corona noch nicht ausreichend im Griff haben. Wenn es schließlich so weit ist, wird es in den Ausstellungsräumen ungewohnt still bleiben. Denn die Erleichterungen bedeuten nicht, dass die ausländischen Kunstliebhaber wieder ungehindert die Grenzen passieren können.

          „Bei uns stellen sie fast die Hälfte. Obwohl der Rückgang sehr stark ausfallen wird, gehen wir davon aus, dass die Zahl unserer Besucher in diesem Jahr auf etwa der Hälfte des üblichen Niveaus bleiben wird“, sagt der geschäftsführende Direktor der Madrider Sammlung Thyssen-Bornemisza, Evelio Acevedo Carrero. Im Prado-Museum hofft man, „bald“ die ersten Besucher hereinzulassen. Dort liegt der Anteil der Ausländer bei rund sechzig Prozent. Früher kamen bis zu fünfzehntausend Menschen am Tag, um Goya und Velázquez zu sehen. Bald könnten es nur noch zwei- bis dreitausend sein. Das wird die Verluste weiter wachsen lassen. Rund eine halbe Million Euro verdiente der Prado vor Corona jede Woche nur mit Eintrittsgeldern, dazu kamen die Einnahmen aus dem Museumsladen und der Cafeteria. Im Reina-Sofía-Museum befürchtet man an den Kassen einen Rückgang von achtzig Prozent. Mehr als die Hälfte der Besucher sind Ausländer, im Picasso-Museum in Barcelona sind es sogar neunzig Prozent.

          „Vieles wird sich ändern, der Besuch wird einen intimeren Charakter haben; es wird weder Gruppen noch Führungen geben. Es ist auch nicht mehr die Zeit für große Ausstellungen mit massiven Besucherzahlen, sondern dafür, über die Rolle der Museen und ihres Verhältnisses zum Publikum nachzudenken“, heißt es im Reina-Sofía-Museum, wo künftig viel weniger Menschen mit Gesichtsmasken vor Picassos apokalyptisches Guernica-Gemälde treten können. Das Aufsichtspersonal wird dort künftig auch über den Abstand zwischen den Betrachtern wachen. Der Einsatz von Wärmekameras wird diskutiert.

          Seit März arbeiten Fachleute in Spanien an neuen Sicherheitsprotokollen. Dabei greifen sie auf Erfahrungen aus China, Japan und Korea zurück. Mit der Marke „Covid-frei“ wollen Museums- und Hoteldirektoren das Vertrauen der Gäste zurückgewinnen, die für Spanien überlebenswichtig sind. Im vergangenen Jahr kamen mehr als achtzig Millionen nach Spanien, nur in Frankreich waren es mehr. Die Strände müssen genauso infektionssicher werden wie die Alhambra in Granada und die Kirchen entlang des Jakobswegs. Aber vorerst werden sich viele Besucher weiterhin virtuell auf den Weg machen. Im vergangenen Jubiläumsjahr zählte der Prado 3,3 Millionen Besucher. Seit der Schließung suchten schon fast viermal so viele das Online-Angebot auf: „Unbezwingbar im Prado“ heißt die Kampagne, zu der Zurbaráns Bild „Herkules kämpft gegen den Nemeischen Löwen“ gehört.

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