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Soziologin Illouz über Trump : Gefühle sind nicht das Problem

Halten Sie in Ihrer These fest, dass Gefühle in der gegenwärtigen Politik nicht als rhetorischer Effekt verstanden sollten, den der Diskurs eines Politikers erzeugt, sondern als strukturelles Phänomen?

Aber natürlich. Heute mehr denn je. Wenn die Linke und die Journalisten das gewaltige Ressentiment verstanden hätten, das in der amerikanischen Gesellschaft brodelt; wenn sie nicht vernünftig angenommen hätten, dass die Menschen jemanden wie Trump einfach nicht wählen würden; dass die kompetentere Kandidatin die sein würde, die offenkundig gewählt wird - dann wären wir vielleicht weniger überrascht gewesen. Trump ist nicht so sehr das Resultat ideologischer Überzeugungen (außer für eine Minderheit), sondern das Resultat einer immensen Wut ohne Adressaten, die sich in der amerikanischen Gesellschaft aufgebaut hat.

In dieser Woche gab es die riesigen Protestmärsche gegen den neuen Präsidenten. Sind sie auch Teil einer Normalisierung des Präsidenten Trump, die bereits begonnen hat?

Da haben Sie völlig Recht. Für einen sehr abnormalen Politiker ist das eine „normale“ Politik. Im Jahr 2017 in Washington auf diese Weise zu demonstrieren, heißt, sich derselben politischen Taktiken zu bedienen wie beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit 1963, wo es Politiker gab, die die Regeln der Kommunikation respektiert haben und der Stimme des Volks, das mehr Bürgerrechte für Afroamerikaner forderte, Gehör schenkten. Bei einem Präsidenten, der sich an all diese Regeln nicht hält, muss man auf andere Taktiken zurückgreifen. Die Linke muss begreifen, dass die konventionellen Methoden der politischen Bühne unangebracht sind, wenn es um einen Präsidenten geht, der die Regeln kommunikativer Rationalität so unverhohlen ignoriert. Sie muss lernen, wie sie die Wut und die Unzufriedenheit der Menschen aufgreifen und in Richtung eines gemeinsamen, integrierenden Projekts lenken kann. Und die Linke muss politisch robuster werden und bereit und willens sein, gegen einen Gegner zu kämpfen, der nur schmutzige Tricks kennt. Denn wenn man selbst als einziger die Regeln des Anstands wahrt während der Feind jede einzelne Regel des Anstands bricht, wird man immer verlieren.

Was meinen Sie? Soll auch die Linke die Regeln des Anstands brechen? Ist das nicht das Ende von allem, wenn auch sie das böse Spiel spielt?

Die liberale Linke muss ihr Vorgehen im politischen Spiel überdenken und erweitern. Das bedeutet nicht, dass sie auch die Regeln missachten soll, aber sie muss neue, kreative und wirkungsvolle Maßnahmen entwickeln, mit denen sie der völlig losgelöst wirkenden und agierenden Rechten begegnen kann. Das bedeutet etwa, zurück in die Viertel und Kommunen zu gehen und dort die Menschen zu organisieren – und in der politisch-medialen Arena knallhart zu agieren.

Wie fühlen Sie persönlich sich angesichts der gegenwärtigen politischen Situation?

Für mich stellt, was gerade passiert, die größte politische Herausforderung meines Lebens dar. Was in Frage steht, ist die fundamentale Annahme, dass die Welt sich teilen lässt in eine „freie“ demokratische Welt, in der Wahrheit Wertschätzung hat, und in eine dunkle Welt, in der Korruption und Lügen einander ernähren. Trump ist das Spiegelbild von Putin. Wie Masha Gessen von der „New York Review of Books“ es so treffend gesagt hat: Als Machthaber verkörpern sie beide etwas zutiefst Mittelmäßiges. Ihre Herrschaft ist die der „Kakistokratie“: die Herrschaft der Schlimmsten.

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