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Soziologe über Pandemie : „Corona war eine Krise, unsere Reaktionen waren ebenso eine Katastrophe“

Abstand für alle: Menschen auf einer Rolltreppe in einem Einkaufszentrum in Singapur Bild: REUTERS

Wie hat die Pandemie unseren Blick auf die Welt verändert? Der Soziologe Benjamin Bratton über kollektive Risiken, die richtigen Daten und die Ethik des Maskentragens.

          11 Min.

          In Ihrem gerade erschienenen Buch „The Revenge of the Real“ beschreiben Sie die Pandemie als eine Linse, durch die man die  grundlegenden Probleme unserer Gesellschaften besser erkennen kann. Welche sind für Sie die wichtigsten, die sichtbar geworden sind?

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir müssen jetzt fragen, was passiert ist und warum? Was hat die Pandemie über die Art und Weise offenbart, wie wir Gesellschaften organisieren, und was müssen wir ändern? Wo soll man da ansetzen. Die Weltbevölkerung hat unfreiwillig am größten Experiment in vergleichender Regierungsführung aller Zeiten teilgenommen. Das Virus war die Kontrollvariable, nun können die unterschiedlichen Reaktionen der verschiedenen Regierungen und politischen Kulturen ausgewertet werden. Wir haben gesehen, dass einige Länder effektiver waren als andere, unabhängig von Faktoren wie dem Pro-Kopf-Einkommen. Eines der Dinge, die dadurch aufgedeckt wurden, ist eine Krise der Regierungsführung in westlichen Gesellschaften, vielleicht besonders in den Vereinigten Staaten, wo sogar der Zugang zur Gesundheitsversorgung privatisiert ist, aber auch in Europa.  Es gab nicht genügend Masken, es gab nicht genügend Testkapazitäten, die Maßnahmen waren planlos, die Koordination war politisiert, viele Menschen glaubten lieber Falschinformationen.

          Die Pandemie war eine Krise, aber unsere eigenen Reaktionen, nicht nur die der Regierungen, waren eine ebenso große Katastrophe. Das Virus hat uns genauso kartographisch erfasst wie wir seine Ausbreitung. Eine Lehre, die wir daraus ziehen können, ist das, was ich den „epidemiologischen Blick auf die Gesellschaft“ nenne: Die Pandemie machte uns klar, dass die Gesellschaft nicht als eine Dynamik von „Individuen gegen den Staat“ oder „Individuen gegen das Kollektiv“ gedacht werden kann. Sondern dass darunter, trotz des kulturalistischen Gepolters populistischer Führer, etwas ganz Grundsätzliches und Unverhandelbares liegt: Eine biologische, biochemische und biopolitische Verflechtung, die immer schon ein planetarisches Ausmaß hat. Die Pandemie hat die Illusion zerstört, dass man diese Realität einfach mit jener Art von populistischer Politik ignorieren kann, deren Aufstieg wir im letzten Jahrzehnt in den USA, Europa, Großbritannien, Russland, Brasilien, Indien und anderswo beobachten konnten. Die Welt ist eben nicht nur ein Text. Das ist die Rache des Realen.

          Die Tatsache, dass einige asiatische Länder das Virus besser in den Griff gekriegt haben, hat also weniger mit der Erfahrung mit früheren Pandemien zu tun, sondern eher mit einer anderen politischen Kultur? Mit einer größeren Bereitschaft, sich regieren zu lassen sozusagen?

          Mit beidem, und das hängt miteinander zusammen. Es gab natürlich eine Reihe von Richtlinien und Verfahren, die bereits vorhanden waren, wie zum Beispiel  Kontaktverfolgung und Quarantäneprotokolle, aber vielleicht noch wichtiger waren effektive öffentliche Gesundheitseinrichtungen und ein tieferes Vertrauen in die Kompetenz der Behörden. Wir können da viel lernen, und zwar nicht nur für das nächste Mal, wenn wir mit Coronaviren zu tun haben. Ich glaube, dass hier etwas Tieferes am Werk ist als nur die Politik. Im Westen ist die „Kultur des Regierens“ nach fast einem halben Jahrhundert der bewussten Demontage und Dekonstruktion zerstört. Aber es ist klar, dass in vielen Fällen die Länder, die am besten abgeschnitten haben, eine Politik umgesetzt haben, die in vielen anderen Teilen der Welt kulturell einfach nicht akzeptabel gewesen wäre. Taiwans Reaktion auf die Pandemie zum Beispiel wäre in Texas niemals möglich gewesen. Das hat nicht nur mit politischen Entscheidungen zu tun, sondern auch mit der politischen Kultur. Das beinhaltet nicht nur die Akzeptanz für gesellschaftliche Koordination, sondern auch eine Einstellung zum Prozess des Regierens als solchem, die wiederum mit der Effektivität der Regierungsführung zusammenhängt. Einige "Logiken des Sozialen" sind nicht förderlich für kollektive Selbstorganisation jeglicher Art. Die Folgen können selbstmörderisch sein. Die Zahl der Toten spricht eine deutliche Sprache. Kultur kann töten.

          Benjamin Bratton
          Benjamin Bratton : Bild: B+

          Glauben Sie, dass sich diese Einstellung im Westen wirklich tiefgreifend geändert hat? Selbst die, die sich während der Pandemie solidarisch verhalten haben und die Einschränkungen ihrer Freiheiten geduldig ertragen haben, taten das doch vor allem, um möglichst schnell wieder zur Normalität zurückzukehren, was auch immer das ist.  

          Wir sollten nicht zu demselben „Normalzustand“ zurückkehren, der dafür verantwortlich ist, dass wir so schlecht vorbereitet waren. Dann wäre die ganze Anstrengung umsonst gewesen. Es geht schließlich nicht nur um die Pandemie, sondern um etwas Tieferes. Denken Sie an den Kulturkampf um die Masken. Ich denke, dass Menschen, die Masken demonstrativ ablehnen und sich so dagegen entscheiden, Teil der immunologischen Gemeinschaft zu sein, ein bestimmtes Verständnis von Gesellschaft zum Ausdruck bringen: Sie sehen Gesellschaft als eine Ansammlung von autonomen Akteuren,  die freiwillig in einen kulturellen oder sozialen oder wirtschaftlichen Austausch treten. In diesem Fall ist das Risiko individuell und nicht kollektiv: Mein Ausatmen ist eigentlich nie dein Einatmen. Dieses verinnerlichte Gesellschaftsmodell ist aber nicht nur in der Krise falsch; eine Krise macht nur deutlich, wie falsch es grundsätzlich ist. Soziale Beziehungen werden nicht einfach durch eine Ansammlung von Individuen erzeugt; Individuen werden durch ihre sozialen Beziehungen erzeugt. Das war schon immer der Fall. Das war vor der Moderne so, das war im 20. Jahrhundert so, und das ist heute so.

          Aber dieses individualistische Gesellschaftsmodell  ist tief im westlichen Denken verwurzelt. Glauben Sie wirklich, dass es während der Pandemie grundlegend erschüttert wurde?

          Der epidemiologische Blick auf die Gesellschaft macht deutlich, dass wir nicht nur Subjekte, sondern auch Objekte sind. Als solche brauchen wir eine Ethik des Objekts, eine, die die Konsequenzen unseres Handelns als Objekte und nicht als Subjekte einbezieht. Worin besteht der Unterschied? Auch das lässt sich anhand der Masken veranschaulichen. Wir tragen Masken,  weil wir erkennen, dass wir einem anderen als biologischer Entität, als Objekt, schaden können, unabhängig von unseren subjektiven Absichten oder davon, wie viel Feindseligkeit oder Liebe wir für diese andere Person empfinden mögen. Unsere eigene Person, unser physischer Körper, ist mit der Welt verwoben, auf eine sehr reale, biologische und biochemische Weise. Ein Bewusstsein für diese persönliche Objektivität muss die Grundlage dafür sein, wie eine postpandemische politische Ethik aussehen könnte.

          Sie schreiben, dass sich die Gesellschaft als „Bevölkerung ansteckender Knotenpunkte“ begreifen sollte. Das klingt sehr pessimistisch, fast nach einem Hobbesiansichen Weltbild: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Führt das nicht zu einer Kultur des Verdachts, in der jeder den anderen nur noch als Bedrohung wahrnimmt?

          Nein. Auch die Sprache selbst ist ein solches Netzwerk. Ich habe mich damit speziell auf die epidemiologische Sicht der Gesellschaft bezogen, aber wenn wir uns weigern, die Lektion zu lernen, dass Risiken eigentlich kollektiv sind, dann ist das anarchische Ergebnis, das Sie beschreiben, wahrscheinlicher. Wenn man andererseits zu dem Schluss kommt, dass die Bereitstellung von flächendeckenden Tests und Gesundheitsfürsorge für jeden in einer Gesellschaft zum eigenen Vorteil ist oder die Risiken der Klimakatastrophe und des sozialen Zusammenbruchs außerhalb der individuellen Kontrolle liegen, dann wird es für die Gesellschaft möglich, diese Risiken tatsächlich zu spüren und darauf zu reagieren. Privatisierung und Privatsphäre sind keine magischen Lösungen. Das meine ich mit „Governance“: „Governance“, also politische Steuerung, bedeutet nicht unbedingt nur Dinge, die gewählte Staaten tun. Das ist ein Teil davon, aber eigentlich geht es darum, wie komplexe Systeme, in die wir immer schon eingebettet sind, so handeln, dass sie ihre eigene Lebensfähigkeit unterstützen. „Governance“ bezieht sich darauf, wie Gesellschaften sich selbst wahrnehmen, modellieren und auf sich selbst zurückwirken.

          Wenn Sie beschreiben, wie in einer globalen Gesellschaft die einzelnen Teile voneinander abhängig sind, benutzen Sie dafür den Begriff „planetarisch“. Warum?

          Das „Planetarische“ bezieht sich auf einen Zustand, nicht nur auf einen Maßstab. Es bedeutet nicht das Gleiche wie „Globalisierung“. Erstens haben wir durch eine Reihe verschiedener Dynamiken, von den Raumfahrtprogrammen bis zu den Geowissenschaften, gelernt, die Erde weniger als "Welt" zu verstehen, wie es die Phänomenologen gerne hätten, sondern als einen Planeten. Das war sie schon immer, aber jetzt ist diese Perspektive klarer. Der Unterschied ist grundlegend. Der Homo sapiens war schon immer eine planetarische Spezies, eine wandernde Spezies, die von Afrika aus über die ganze Welt gezogen ist, und diese „Sapiens“ ist nicht immateriell. Unsere „Sapiens“ ist etwas, das der Planet gemacht hat: Der Planet hat sich auf eine bestimmte Weise gefaltet, um dieses Phänomen der menschlichen Sapiens hervorzubringen. Die zweite Konnotation des Planetarischen hat mit dem Projekt zu tun, das jetzt ansteht: eine Art Terraforming-Programm, das aber nicht darin besteht, erdähnliches Leben auf dem Mars oder dem Mond zu schaffen, sondern die Erde so zu gestalten, dass sie auf sehr lange Sicht für irdisches Leben lebensfähig bleibt. Das erfordert künstliche Eingriffe. Die Reaktion auf den menschengemachten Klimawandel wird auch vom Menschen gemacht sein müssen. Das ist der Kontext, in dem vielleicht alle anderen Sorgen stehen. Viele der entscheidenden Probleme, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, stehen in direktem Zusammenhang mit dem Zustand des Planeten als solchem: die Pandemie, die Klimaveränderungen, das Recht der Menschen auf Mobilität, die natürliche und synthetische Artenvielfalt und so weiter. Diese nur auf der vergleichsweise provinziellen Ebene einer Nation anzugehen, bedeutet, den Raum der Möglichkeiten zu verkleinern.

          Welche Rolle spielt die Automatisierung bei der Lösung dieser Probleme?  

          Uns stellt sich die Frage, wie ein sinnvoller hoher Lebensstandard für alle erreicht werden kann, ohne gleichzeitig die zugrunde liegende Ökologie zu zerstören. Das wäre eine "Rache des Realen", die wir vermeiden müssen. Die Automatisierung kann Skaleneffekte bei Energie, Material, Kohlenstoff, Land usw. bieten. Aber wenn sie das tun soll, dann müssen wir entscheiden, dass das ihr Zweck ist. „Automatisierung“ um ihrer selbst willen, um sie zu beschleunigen oder zu entschleunigen, ist sinnlos. Ein Teil des Unglücks der Pandemiebekämpfung war ein globaler Rückzug auf nationale Einheiten. Wir hatten eindeutig ein planetarisches Phänomen, und wir versuchten, es Parzelle für Parzelle zu lösen, völlig irrational, aber wir hatten keinen besseren Ansatz. Allein das sollte als massives Versagen anerkannt werden. Eine gerechte, lebensfähige und rationale Selbstorganisation von 7 oder 8 Milliarden Menschen erfordert Formen der technischen Abstraktion wie algorithmische Vernunft, quantitative Modellierung und Simulation. Das allein ist nicht die Lösung, aber richtig eingesetzt sind das Fähigkeiten, mit denen jede Gesellschaft in der Lage ist, sich selbst zu verstehen und aussagekräftige Abstraktionen über sich selbst zu schaffen. Leider denken viele, dass die Lösung darin besteht, sich auf lokale Beziehungen zurückzuziehen, weil sie sich unsere Vernetzung irgendwie als unmenschlich vorstellen. Auf dieser Grundlage wächst Populismus. Aber diese gewollte Enttechnologisierung ist eine Verkennung der menschlichen Geschichte, die ihre Wurzeln in der Gegenreaktion der Romantik gegen die Entmystifizierung der Welt durch die Moderne hat. Diese Sehnsucht ist ein hartnäckiges Merkmal der europäischen Moderne, nicht wirklich ihre Antithese.

          Ist eine kritische Haltung gegenüber einer technisch regulierten Welt nicht angebracht? So erfolgreich die Bekämpfung der Pandemie in asiatischen Ländern durch umfassendes Testen und eine konsequente Kontaktverfolgung auch war, ruft sie doch schnell die Angst vor einem Überwachungsstaat nach chinesischem Modell hervor. Und eine algorithmische Steuerung der Gesellschaft klingt erst einmal nach einer Vision, wie man sie von Facebook oder Amazon kennt. Halten Sie diese Bedenken für übertrieben?

          Erstens ist das nicht der Grund, warum viele asiatische Länder in dem Maße erfolgreicher waren, wie sie es waren, aber ich verstehe, wie man das vermuten kann, wenn man bedenkt, wie sehr Sinophobie und Technophobie heute miteinander verwoben sind. Zweitens ist meine Arbeit zutiefst kritisch gegenüber der gegenwärtigen technologischen Ordnung. Aber viele konventionelle Kritiken gehen nicht weit genug, andere gehen in die falsche Richtung. Die konventionelle Kritik am „Überwachungskapitalismus“ zum Beispiel konzentriert sich darauf, wie viele Daten ein Individuum preisgeben sollte oder muss, oder wie viel Privatsphäre ein Individuum verlangen sollte. Es ist, als gäbe es einen einzigen großen Knopf für die Privatsphäre, und wir müssten nur darüber diskutieren, wie weit wir ihn in die eine oder andere Richtung drehen sollten. Aber das ist nicht die Realität.

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          Was ist dann Ihre Kritik an Facebook und Co.? 

          Das grundlegendere Problem ist die Überindividualisierung selbst. Ich bin der Erste, der sagt, dass es eine historische Tragödie ist, dass die großen Plattformunternehmen das Potential der planetarischen Computerkapazitäten vergeuden, indem sie vorhersagen, was einzelne Nutzer und Verbraucher als Nächstes sehen oder kaufen wollen. Aber während einige auf Facebook schauen und ein Problem von Big Data und der Algorithmen sehen, sehe ich ein Problem der Intensivierung von atomisierten individuellen Wünschen und Überzeugungen, egal wie absurd oder toxisch. Diese Rückkopplungsschleife der Hyperindividualisierung ist ein ernsteres Problem als die Mathematik oder Technologie selbst. Vergessen Sie nicht, dass während der Pandemie sowohl in meinem als auch in Ihrem Land massive Versammlungen von Verschwörungskulturen aller politischer Couleur stattfanden, die nicht durch eine bestimmte Ideologie vereint waren, sondern durch das heilige subjektive Recht, an Schwachsinn zu glauben. Damit wir in der Lage sind, uns als planetarische Gesellschaft selbst zu regieren, müssen wir einen anderen Zweck und ein anderes Projekt für diese rechnerischen Ressourcen finden. Mit anderen Worten: Wir produzieren die falschen Daten. Ich glaube nicht, dass wir mit den Daten, die Facebook produziert, die gesellschaftlichen Probleme lösen können, die wir wirklich lösen müssen.  Wir können keine lebensfähige Gesellschaft mit „Likes“, Urlaubsfotos und obskuren Tiraden aufbauen. Aber es gibt andere Beispiele für die Modellierung und Datensammlung, die wir uns ansehen können, jenseits der sozialen Medien.

          Zum Beispiel?

          Zum Beispiel die Klimawissenschaft. Allein die Tatsache, dass wir wissen, dass der Klimawandel stattfindet, ist eine erkenntnistheoretische Leistung der planetarischer Rechenkapazität. Ohne die Erfassung, Modellierung und Simulation von planetarischen Vergangenheiten und Zukünften ist das Konzept des Klimawandels für uns empirisch überhaupt nicht zugänglich. Gesellschaften müssen in der Lage sein, sich selbst zu erkennen und einen Sinn zu geben - genauso wie die Klimawissenschaft verlässliche Mess-, Modellierungs- und Simulationskapazitäten braucht, um zu verstehen, wie bestimmte Eingriffe verschiedene Arten von klimatischen Ergebnissen beeinflussen können oder nicht. Ich denke, dass Daten, die durch die Tests während der Pandemie produziert wurden, näher an der Art von Daten liegt, die wir brauchen, damit eine Gesellschaft in der Lage ist, sich rational zu organisieren. Sogar die Social-Graph-Modelle von Facebook könnten theoretisch nützlich sein, aber ich fürchte, dieser Graph wurde bereits für andere Dinge optimiert. Es könnte schneller sein, ihn von Grund auf neu zu schaffen.

          Sie sagen, dass der epidemiologische Blick zum Paradigma werden muss, wie wir insgesamt auf die Gesellschaft schauen. Ist dieser klinische Blick wirklich auch auf andere Bereiche übertragbar? Impliziert das nicht, dass auch andere Merkmale, etwa politische Meinungen oder persönliches Verhalten, gemessen und gegebenenfalls geheilt werden kann?

          Noch einmal: Der entscheidende Unterschied zwischen der Klimawissenschaft als Modell und Facebook als Modell ist, dass die Klimawissenschaft nicht besonders an einzelnen Menschen interessiert ist. Sie ist an den Abläufen komplexer Systeme interessiert. Das ist nützlicher, intellektuell und politisch. Das Letzte, was wir vorantreiben sollten, ist es, die Meinungen und Neigungen einzelner Menschen mit einem noch höheren Grad an Granularität zu erfassen und dies zum vorherrschenden Modell der Gesellschaft zu machen. Was ich damit sagen will, ist, dass es eine "de-anthropozentrische" Wende bei der Anwendung unserer Rechenkapazitäten geben muss, eine Art kopernikanische Wende, wenn Sie so wollen. Das selbstsouveräne Individuum, das ohnehin eine Fiktion ist, sollte nicht länger das bevorzugte Objekt der Analyse sein.

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          Der Individualismus, den Sie kritisieren, ist nicht nur die Grundlage für egoistisches Verhalten, sondern auch zentral für gesellschaftskritische Positionen – Autonomie, Systemkritik, Widerstand. Müssen wir uns davon auch verabschieden?

          Wenn, wie Sie angedeutet haben, der Individualismus eine Wurzel der westlichen Kultur ist, besonders jetzt, dann kann er vielleicht nicht auch die Grundlage der Systemkritik sein.  Ich denke, dass insbesondere die Geisteswissenschaften immer noch in gewisser Weise von dem tyrannisiert werden, was ich als „Boomer-Theorie“ bezeichne: Für die Generation von Menschen, die in den Jahrzehnten nach 1968 aufgewachsen sind, mich eingeschlossen, bestand das Grundverständnis der Welt darin, dass es eine Art feste, rationale, staatliche Ordnung gibt, die im Wesentlichen illegitim war. Daher bestand die Rolle der Intellektuellen und der Politik darin, die Ordnung zu untergraben und ihr zu widerstehen oder sich ihr zu entziehen, immer nach der Formel: Struktur, Form, Systematik zu geben ist schlecht, und dekonstruieren, stören, demontieren ist gut. Das hat dazu beigetragen, dass die Linke solche Schwierigkeiten hat, der Gesellschaft eine Form zu geben. Ich denke, dass diese Prämisse falsch ist. Was auch immer die Macht heute ist, sie basiert nicht auf der Vernunft. Die Vernunft wird heute von der Irrationalität tyrannisiert, nicht umgekehrt. Die wichtigste Aufgabe der Generationen, die diesen Planeten erben werden, ist es, eine Ordnung zu schaffen, der Welt eine Architektur zu geben, eine Form, die bis weit in die Zukunft bestehen kann. Und ja, um das zu tun, werden einige Reflexe verlernt werden müssen, sodass ein kompositorischer Sinn für Handlungsmächtigkeit an ihre Stelle treten kann.

          Die Tugenden einer post-pandemischen Welt wären dann Verantwortungsgefühl und Gehorsam?

          Ich muss sagen, dass ich diese Frage seltsam finde. Nein, Struktur bedeutet nicht Gehorsam. Mein Interesse liegt in der Befreiung der kollektiven Vernunft zur Gestaltung einer lebenswerten Gesellschaft. Mir ist klar, dass sich genauso wie die Intelligenz auch die Dummheit entwickelt. Die Dummheit passt sich an und die Dummheit neigt zur Entropie. Ordnung sollte ein Gegenteil von Entropie implizieren. Per Definition bedeutet sie nicht Homogenität, sondern strukturierte Diversifikation. Das libertäre oder anarchistische Ideal einer Politik ohne Struktur ist keine Politik, sondern eher der Inbegriff von Post-Politik. Es ist Zeit für einen anderen Ansatz.

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