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Soziologe über Pandemie : „Corona war eine Krise, unsere Reaktionen waren ebenso eine Katastrophe“

Abstand für alle: Menschen auf einer Rolltreppe in einem Einkaufszentrum in Singapur Bild: REUTERS

Wie hat die Pandemie unseren Blick auf die Welt verändert? Der Soziologe Benjamin Bratton über kollektive Risiken, die richtigen Daten und die Ethik des Maskentragens.

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          In Ihrem gerade erschienenen Buch „The Revenge of the Real“ beschreiben Sie die Pandemie als eine Linse, durch die man die  grundlegenden Probleme unserer Gesellschaften besser erkennen kann. Welche sind für Sie die wichtigsten, die sichtbar geworden sind?

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir müssen jetzt fragen, was passiert ist und warum? Was hat die Pandemie über die Art und Weise offenbart, wie wir Gesellschaften organisieren, und was müssen wir ändern? Wo soll man da ansetzen. Die Weltbevölkerung hat unfreiwillig am größten Experiment in vergleichender Regierungsführung aller Zeiten teilgenommen. Das Virus war die Kontrollvariable, nun können die unterschiedlichen Reaktionen der verschiedenen Regierungen und politischen Kulturen ausgewertet werden. Wir haben gesehen, dass einige Länder effektiver waren als andere, unabhängig von Faktoren wie dem Pro-Kopf-Einkommen. Eines der Dinge, die dadurch aufgedeckt wurden, ist eine Krise der Regierungsführung in westlichen Gesellschaften, vielleicht besonders in den Vereinigten Staaten, wo sogar der Zugang zur Gesundheitsversorgung privatisiert ist, aber auch in Europa.  Es gab nicht genügend Masken, es gab nicht genügend Testkapazitäten, die Maßnahmen waren planlos, die Koordination war politisiert, viele Menschen glaubten lieber Falschinformationen.

          Die Pandemie war eine Krise, aber unsere eigenen Reaktionen, nicht nur die der Regierungen, waren eine ebenso große Katastrophe. Das Virus hat uns genauso kartographisch erfasst wie wir seine Ausbreitung. Eine Lehre, die wir daraus ziehen können, ist das, was ich den „epidemiologischen Blick auf die Gesellschaft“ nenne: Die Pandemie machte uns klar, dass die Gesellschaft nicht als eine Dynamik von „Individuen gegen den Staat“ oder „Individuen gegen das Kollektiv“ gedacht werden kann. Sondern dass darunter, trotz des kulturalistischen Gepolters populistischer Führer, etwas ganz Grundsätzliches und Unverhandelbares liegt: Eine biologische, biochemische und biopolitische Verflechtung, die immer schon ein planetarisches Ausmaß hat. Die Pandemie hat die Illusion zerstört, dass man diese Realität einfach mit jener Art von populistischer Politik ignorieren kann, deren Aufstieg wir im letzten Jahrzehnt in den USA, Europa, Großbritannien, Russland, Brasilien, Indien und anderswo beobachten konnten. Die Welt ist eben nicht nur ein Text. Das ist die Rache des Realen.

          Die Tatsache, dass einige asiatische Länder das Virus besser in den Griff gekriegt haben, hat also weniger mit der Erfahrung mit früheren Pandemien zu tun, sondern eher mit einer anderen politischen Kultur? Mit einer größeren Bereitschaft, sich regieren zu lassen sozusagen?

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