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Soziologe über Pandemie : „Corona war eine Krise, unsere Reaktionen waren ebenso eine Katastrophe“

Zum Beispiel die Klimawissenschaft. Allein die Tatsache, dass wir wissen, dass der Klimawandel stattfindet, ist eine erkenntnistheoretische Leistung der planetarischer Rechenkapazität. Ohne die Erfassung, Modellierung und Simulation von planetarischen Vergangenheiten und Zukünften ist das Konzept des Klimawandels für uns empirisch überhaupt nicht zugänglich. Gesellschaften müssen in der Lage sein, sich selbst zu erkennen und einen Sinn zu geben - genauso wie die Klimawissenschaft verlässliche Mess-, Modellierungs- und Simulationskapazitäten braucht, um zu verstehen, wie bestimmte Eingriffe verschiedene Arten von klimatischen Ergebnissen beeinflussen können oder nicht. Ich denke, dass Daten, die durch die Tests während der Pandemie produziert wurden, näher an der Art von Daten liegt, die wir brauchen, damit eine Gesellschaft in der Lage ist, sich rational zu organisieren. Sogar die Social-Graph-Modelle von Facebook könnten theoretisch nützlich sein, aber ich fürchte, dieser Graph wurde bereits für andere Dinge optimiert. Es könnte schneller sein, ihn von Grund auf neu zu schaffen.

Sie sagen, dass der epidemiologische Blick zum Paradigma werden muss, wie wir insgesamt auf die Gesellschaft schauen. Ist dieser klinische Blick wirklich auch auf andere Bereiche übertragbar? Impliziert das nicht, dass auch andere Merkmale, etwa politische Meinungen oder persönliches Verhalten, gemessen und gegebenenfalls geheilt werden kann?

Noch einmal: Der entscheidende Unterschied zwischen der Klimawissenschaft als Modell und Facebook als Modell ist, dass die Klimawissenschaft nicht besonders an einzelnen Menschen interessiert ist. Sie ist an den Abläufen komplexer Systeme interessiert. Das ist nützlicher, intellektuell und politisch. Das Letzte, was wir vorantreiben sollten, ist es, die Meinungen und Neigungen einzelner Menschen mit einem noch höheren Grad an Granularität zu erfassen und dies zum vorherrschenden Modell der Gesellschaft zu machen. Was ich damit sagen will, ist, dass es eine "de-anthropozentrische" Wende bei der Anwendung unserer Rechenkapazitäten geben muss, eine Art kopernikanische Wende, wenn Sie so wollen. Das selbstsouveräne Individuum, das ohnehin eine Fiktion ist, sollte nicht länger das bevorzugte Objekt der Analyse sein.

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Der Individualismus, den Sie kritisieren, ist nicht nur die Grundlage für egoistisches Verhalten, sondern auch zentral für gesellschaftskritische Positionen – Autonomie, Systemkritik, Widerstand. Müssen wir uns davon auch verabschieden?

Wenn, wie Sie angedeutet haben, der Individualismus eine Wurzel der westlichen Kultur ist, besonders jetzt, dann kann er vielleicht nicht auch die Grundlage der Systemkritik sein.  Ich denke, dass insbesondere die Geisteswissenschaften immer noch in gewisser Weise von dem tyrannisiert werden, was ich als „Boomer-Theorie“ bezeichne: Für die Generation von Menschen, die in den Jahrzehnten nach 1968 aufgewachsen sind, mich eingeschlossen, bestand das Grundverständnis der Welt darin, dass es eine Art feste, rationale, staatliche Ordnung gibt, die im Wesentlichen illegitim war. Daher bestand die Rolle der Intellektuellen und der Politik darin, die Ordnung zu untergraben und ihr zu widerstehen oder sich ihr zu entziehen, immer nach der Formel: Struktur, Form, Systematik zu geben ist schlecht, und dekonstruieren, stören, demontieren ist gut. Das hat dazu beigetragen, dass die Linke solche Schwierigkeiten hat, der Gesellschaft eine Form zu geben. Ich denke, dass diese Prämisse falsch ist. Was auch immer die Macht heute ist, sie basiert nicht auf der Vernunft. Die Vernunft wird heute von der Irrationalität tyrannisiert, nicht umgekehrt. Die wichtigste Aufgabe der Generationen, die diesen Planeten erben werden, ist es, eine Ordnung zu schaffen, der Welt eine Architektur zu geben, eine Form, die bis weit in die Zukunft bestehen kann. Und ja, um das zu tun, werden einige Reflexe verlernt werden müssen, sodass ein kompositorischer Sinn für Handlungsmächtigkeit an ihre Stelle treten kann.

Die Tugenden einer post-pandemischen Welt wären dann Verantwortungsgefühl und Gehorsam?

Ich muss sagen, dass ich diese Frage seltsam finde. Nein, Struktur bedeutet nicht Gehorsam. Mein Interesse liegt in der Befreiung der kollektiven Vernunft zur Gestaltung einer lebenswerten Gesellschaft. Mir ist klar, dass sich genauso wie die Intelligenz auch die Dummheit entwickelt. Die Dummheit passt sich an und die Dummheit neigt zur Entropie. Ordnung sollte ein Gegenteil von Entropie implizieren. Per Definition bedeutet sie nicht Homogenität, sondern strukturierte Diversifikation. Das libertäre oder anarchistische Ideal einer Politik ohne Struktur ist keine Politik, sondern eher der Inbegriff von Post-Politik. Es ist Zeit für einen anderen Ansatz.

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