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Soziologe über Pandemie : „Corona war eine Krise, unsere Reaktionen waren ebenso eine Katastrophe“

Mit beidem, und das hängt miteinander zusammen. Es gab natürlich eine Reihe von Richtlinien und Verfahren, die bereits vorhanden waren, wie zum Beispiel  Kontaktverfolgung und Quarantäneprotokolle, aber vielleicht noch wichtiger waren effektive öffentliche Gesundheitseinrichtungen und ein tieferes Vertrauen in die Kompetenz der Behörden. Wir können da viel lernen, und zwar nicht nur für das nächste Mal, wenn wir mit Coronaviren zu tun haben. Ich glaube, dass hier etwas Tieferes am Werk ist als nur die Politik. Im Westen ist die „Kultur des Regierens“ nach fast einem halben Jahrhundert der bewussten Demontage und Dekonstruktion zerstört. Aber es ist klar, dass in vielen Fällen die Länder, die am besten abgeschnitten haben, eine Politik umgesetzt haben, die in vielen anderen Teilen der Welt kulturell einfach nicht akzeptabel gewesen wäre. Taiwans Reaktion auf die Pandemie zum Beispiel wäre in Texas niemals möglich gewesen. Das hat nicht nur mit politischen Entscheidungen zu tun, sondern auch mit der politischen Kultur. Das beinhaltet nicht nur die Akzeptanz für gesellschaftliche Koordination, sondern auch eine Einstellung zum Prozess des Regierens als solchem, die wiederum mit der Effektivität der Regierungsführung zusammenhängt. Einige "Logiken des Sozialen" sind nicht förderlich für kollektive Selbstorganisation jeglicher Art. Die Folgen können selbstmörderisch sein. Die Zahl der Toten spricht eine deutliche Sprache. Kultur kann töten.

Benjamin Bratton
Benjamin Bratton : Bild: B+

Glauben Sie, dass sich diese Einstellung im Westen wirklich tiefgreifend geändert hat? Selbst die, die sich während der Pandemie solidarisch verhalten haben und die Einschränkungen ihrer Freiheiten geduldig ertragen haben, taten das doch vor allem, um möglichst schnell wieder zur Normalität zurückzukehren, was auch immer das ist.  

Wir sollten nicht zu demselben „Normalzustand“ zurückkehren, der dafür verantwortlich ist, dass wir so schlecht vorbereitet waren. Dann wäre die ganze Anstrengung umsonst gewesen. Es geht schließlich nicht nur um die Pandemie, sondern um etwas Tieferes. Denken Sie an den Kulturkampf um die Masken. Ich denke, dass Menschen, die Masken demonstrativ ablehnen und sich so dagegen entscheiden, Teil der immunologischen Gemeinschaft zu sein, ein bestimmtes Verständnis von Gesellschaft zum Ausdruck bringen: Sie sehen Gesellschaft als eine Ansammlung von autonomen Akteuren,  die freiwillig in einen kulturellen oder sozialen oder wirtschaftlichen Austausch treten. In diesem Fall ist das Risiko individuell und nicht kollektiv: Mein Ausatmen ist eigentlich nie dein Einatmen. Dieses verinnerlichte Gesellschaftsmodell ist aber nicht nur in der Krise falsch; eine Krise macht nur deutlich, wie falsch es grundsätzlich ist. Soziale Beziehungen werden nicht einfach durch eine Ansammlung von Individuen erzeugt; Individuen werden durch ihre sozialen Beziehungen erzeugt. Das war schon immer der Fall. Das war vor der Moderne so, das war im 20. Jahrhundert so, und das ist heute so.

Aber dieses individualistische Gesellschaftsmodell  ist tief im westlichen Denken verwurzelt. Glauben Sie wirklich, dass es während der Pandemie grundlegend erschüttert wurde?

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