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Soziale Netzwerke : Facebooks Blick in eine düstere Zukunft

  • -Aktualisiert am

Mark Zuckerberg hat mit Facebook den ersten digitalen Monopolisten erschaffen. Die Gesetze der digitalen Ökonomie gelten allerdings auch für ihn. Bild: AFP

Facebook konnte Snapchat nicht einmal für drei Milliarden Dollar kaufen. Das soziale Netzwerk hat den Anschluss an die Menschen und die Zukunft des Internets verloren. Eine mobile App reicht nicht.

          Mark Zuckerberg studierte in Harvard Psychologie und Informatik. Doch nur Letzteres machte ihn zum Tycoon. Facebook, sein Unternehmen, gab vielen Menschen ihre erste digitale Adresse. Facebook schlüsselte soziale Beziehungen auf und hauchte per Statusmeldungen Adressbüchern Leben ein. Der Erfolg des Unternehmens ruhte auf der technischen Raffinesse, mit ungeahnt großen Datenmassen umgehen zu können. Diesen Vorsprung hat das Unternehmen heute eingebüßt.

          Wenn auch Facebook der Onlinedienst ist, der als erster die Marke von einer Milliarde Nutzern durchbrach - was Facebook kann, können heute viele Unternehmen und die Konkurrenz weithin besser. Der Psychologe Mark Zuckerberg hat den Anschluss an die Menschen verloren. In Deutschland gewinnt Facebook nur noch Nutzer, die älter als 45 Jahre alt sind, das Durchschnittalter aller Nutzer liegt über dem der Zuschauer von Pro Sieben.

          2013 hat Facebook wichtige Ziele verpasst

          Obwohl der Börsengang von Facebook nicht rund lief, war 2012 noch ein Erfolgsjahr für das Unternehmen und dessen Finanziers. Facebook machte nicht nur Zuckerberg zum Milliardär, sondern beispielsweise auch U2-Sänger Bono. 2013 hat das Unternehmen dagegen alle strategischen Ziele verpasst. Facebook hat kein eigenes Mobiltelefon. Auch der Versuch, sich mit „Facebook Home“ über dem Google-Betriebssystem Android einzunisten ging fehl. Der Datenhunger des „Social-Graphs“, der die Grundlage der Werbevermarktung ist, lässt sich allein per Webseite und App nicht zureichend stillen.

          Facebook kennt heute jeden Menschen auf der Welt, ob er einen Facebook-Account hat oder nicht. Doch es weiß zu wenig über sie. „Big Data“ ist noch immer ein trügerischer Mythos. Datenmasse allein reicht nicht. Um den Unterschied zwischen einem Datenschatz und einem Datenmüllhaufen zu erkennen, brauche man die Expertise aus mindestens drei unterschiedlichen Disziplinen und Menschen, die wissen, was sie tun, sagte vor wenigen Tagen der renommierte IBM-Forscher Moshe Rappoport vor deutschen Polizisten, die sich für Big-Data-Analysen in der Strafverfolgung interessierten.

          Lässt sich aus digitalem Stückwerk Profit schlagen?

          Das Problem Facebooks ist nicht, dass die Forscher im eigenen Haus das nicht auch wüssten. Rappoport führte das Argument allerdings einen Schritt weiter. Je mehr Daten anfallen, weil die Vernetzung zunimmt und immer mehr Alltags-Geräte mit Sensorik ausgestattet werden, desto wichtiger werde eine gänzlich neue Kategorie im Umgang mit ihnen: Wahrhaftigkeit. „Veracity“ sei der Knackpunkt der digitalen Gesellschaft, wenn Datenvolumen, Datenvariation und Datentempo („Data-Velocity“) zunehmen. Schon heute hätten die Forscher es zu achtzig Prozent mit Daten zu tun, deren Aussagekraft sich nicht von selbst erschließt.

          Für Facebook ist das ein echtes Problem. Zwar hat das Unternehmen eine hohe Zahl an aktiven Nutzern – Facebook spricht von 728 Millionen Menschen, die den Service täglich nutzen – doch Facebook bekommt die Daten nur stückchenweise. Mal einen Standort, mal eine soziale Interaktion, mal einen Stimmungsbericht in Form einer Statusnachricht, mal einen kurzen Einblick in das Leseverhalten, wenn Nutzer einem Link folgen. Aus diesen Häppchen lassen sich kaum konsistente Profile errechnen. Das Verhalten von Menschen ist zu unberechenbar, als dass aus den wenigen Artefakten nützliche Schlüsse zu ziehen wären. Entsprechend wenig hilfreich ist die Werbung, die Facebook seinen Nutzern heute anzeigt.

          Facebook weiß zu wenig über seine Nutzer

          Facebook war daran gelegen, mehr von seinen Nutzern zu erfahren. Der besten Methode - der lückenlose Überwachung per Smartphone - ging Zuckerberg selbst nach. Im Juni flog er nach Seoul, um mit dem koreanischen Handyhersteller Samsung über ein „Facebook-Phone“ zu verhandeln. Die Südkoreaner sagten Zuckerberg, so wurde berichtet, noch während des Gesprächs vor Ort ab. Samsung arbeitete stattdessen an einem eigenen Betriebssystem. „Tizen“ erlangt in diesen Tagen seine Marktreife.

          Mit Neid schaut Zuckerberg stattdessen auf den Konkurrenten Google. Allein im dritten Quartal dieses Jahres wurden weltweit 211 Millionen Mobiltelefone verkauft, auf denen Googles Betriebssystem Android läuft. Mit der Verspätung von fast einem Jahr folgte Google im Herbst 2007 der Unternehmung Apples, das Mobiltelefon neu zu erfinden und es zu einem wirklichen Universalcomputer zu machen. Vor wenigen Wochen kletterte Googles Marktanteil an mobilen Betriebssystemen auf 81 Prozent. In dieser Woche kündigte Motorola, seit 2012 ein Tochterunternehmen Googles, ein vollausgestattetes Smartphone für 169 Dollar an.

          Auch drei Milliarden Dollar waren zu wenig

          Facebook hat all diese Entwicklungen, und damit den Zugriff auf seine Kunden, verpasst. Zwar steigt der mobile Werbeumsatz, aber die Grenzen dieses Wachstums sind deutlich erkennbar. Ohne Zugriff auf die Telefone ist Facebook vergleichsweise blind. Ohne Standort-Daten, ohne Möglichkeiten der Analyse von Verhalten, kommt Facebook immer mehr ins Hintertreffen, was die Nützlichkeit der eigenen Webseite und der zahlreichen Apps angeht. Drei Milliarden Dollar war Facebook in dieser Woche der Einblick in die Kommunikation unter Jugendlichen wert – doch „Snapchat“, der Anbieter eines unter amerikanischen Jugendlichen beliebten Messengers – lehnte dieses Übernahmeangebot ab. Facebook weiß, wer wen kennt, aber immer weniger, was diese Beziehung ausmacht, wie sie sich ökonomisch ausbeuten lässt und was aus ihnen künftig folgt.

          Um die anderen digitalen Märkte hat sich Facebook nicht einmal bemüht. Noch in diesem Monat werden Sony und Microsoft die Spielekonsolen der nächsten Generation auf den Markt bringen. Microsoft hat dabei ein Gerät im Angebot, das sogar das Fernsehen komplett vereinnahmt, das Personen im Wohnzimmer erkennt, namentlich begrüßt und auf natürliche Sprachkommandos reagiert. Die Technologie der Videotelefonie von Skype ist in dieses System integriert, über das Fernsehprogramm wird Microsoft einen Datenschleier legen, der kaum eine der bei einem alltäglichen Abend im Wohnzimmer üblichen Fragen noch offen lässt.

          Auf der anderen Seite stieg Amazon vom Versandhändler zum wichtigsten Anbieter des Cloud-Computing auf. Dabei geht es nicht nur um zur Verfügung gestellte Datenspeicher. Per „App-Streaming“ steht die Prozessorleistung der stärksten Computer der Welt nun jedermann zur Verfügung. Das Kalkül dieser in diesen Tagen verkündeten Neuerung ist klar: Amazon wird in naher Zukunft Tabletcomputer verkaufen können, die so billig sind, dass sie gar keinen Preis mehr haben. Die notwendige Rechenleistung steckt nicht mehr in den Geräten, sondern in der Cloud. Selbst die CIA nutzt für ihre Tätigkeiten nun ausschließlich die Dienste Amazons. Der neuen Kostenloskultur der Produkte folgt die totale Abhängigkeit von den Dienstanbietern. Microsoft, Google und Amazon haben den Wandel zum Dienstanbieter bislang erfolgreich absolviert, Facebook nicht. Der erste Instant-Monopolist des digitalen Zeitalters steht kurz davor, aufzuzeigen, auf welch virtuellen Fundamenten der digitale Kapitalismus tatsächlich steht.

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