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Soziale Marktwirtschaft : Ökonomie als Instrument, nicht als Selbstzweck

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Alle reden von der Sozialen Marktwirtschaft. Ein Blick in das Buch ihres Erfinders Alfred Müller-Armack aus dem Jahr 1946 zeigt, wie falsch der Begriff heutzutage verstanden wird. Und wie der Markt wirklich sozial wird.

          Ist die Verstaatlichung der Hypo Real Estate mit der Sozialen Marktwirtschaft vereinbar? Oder der Mindestlohn? Sind es Umverteilung und staatliche Zuschüsse? Hohe Einkommens- und Vermögensbesteuerung? Solche Fragen beherrschen neuerdings wieder die politische Debatte, eindeutige Antworten darauf erhält der Bürger keine. Da sei die ideologische Einfärbung des Begriffs „Soziale Marktwirtschaft“ nach den jeweiligen Vorstellungen von Parteien und Interessenverbänden vor.

          Abhilfe verschafft jedoch ein unscheinbares Büchlein von lediglich 157 Seiten Umfang. Es ist in einer wohltuenden Klarheit abgefasst, die es auch für ökonomische Laien verständlich macht. Das 1946 veröffentlichte Werk gilt als Manifest der Sozialen Marktwirtschaft und stammt von keinem Geringeren als ihrem geistigen Vater: „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ von Alfred Müller-Armack. Es war die Lektüre dieses Buches - so steht es im Vorwort der 1990 erschienenen Neuauflage -, die Ludwig Erhard veranlasste, den in Münster lehrenden Nationalökonomen Müller-Armack 1952 ins Wirtschaftsministerium zu holen, wo er sich in den nächsten elf Jahren mit der praktischen Umsetzung seiner Ideen unter dem Leitbild „Wohlstand für alle“ beschäftigen sollte.

          Plädoyer für die Freiheit des Individuums

          Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich bei dem Bändchen um kein reines Wirtschaftsbuch. Stattdessen hält Müller-Armack ein vehementes Plädoyer für die Freiheit des Individuums, ermahnt zugleich aber Gesellschaft und Politik zur aktiven Verwirklichung ihrer sozialen und kulturellen Ideale. Die Marktwirtschaft werde sich nämlich nicht von selbst darum kümmern, schreibt er - das sei ein Missverständnis, das zum großen Unglück des Liberalismus im neunzehnten Jahrhundert wurde und gelegentlich auch heute noch zu finden ist.

          Um die Überzeugungen des Autors richtig einzuordnen, muss man sich den geschichtlichen Hintergrund des Buches vor Augen führen: Deutschland hatte gerade den Krieg verloren, die NS-Herrschaft war zu Ende, die jahrelang unter zentraler Lenkung operierende deutsche Wirtschaft gelähmt, der Schwarzmarkt blühte. Eine neue Wirtschaftsordnung müsse her, das sei das vordringliche Ziel der deutschen Politik, schreibt Müller-Armack gleich im ersten Satz. Dabei war die Hinwendung zur Marktwirtschaft nicht selbstverständlich. Die zentrale Lenkung galt im öffentlichen Bewusstsein noch immer als vermeintlich „sozial“, während die Marktwirtschaft unter dem Generalverdacht des allgemein verabscheuten „Laissez-faire“ stand. Die Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise waren noch wach. Müller-Armack wollte mit seinem Werk einen dritten Weg aufzeigen, der die ökonomische Überlegenheit der Sozialen Marktwirtschaft (die das Prädikat „sozial“ allerdings erst später erhalten sollte) mit der notwendigen Rücksichtnahme auf sozialethische Prinzipien vereint.

          Ökonomie als Instrument, nicht als Selbstzweck

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