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Soziale Marktwirtschaft : Ökonomie als Instrument, nicht als Selbstzweck

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Mit Montesquieu argumentiert Müller-Armack, dass Freiheit nur dann gedeihen könne, wenn auch die wirtschaftlichen Machtmittel aufgeteilt seien, weil politische Freiheit an ökonomisch zu sichernde Unabhängigkeit gebunden sei. Aber Freiheitsüberlegungen gehen ökonomischen Interessen vor: „Unter dem Gesichtspunkt der Freiheit dürfte die Marktwirtschaft auch dann noch vorzuziehen sein, wenn ihre ökonomischen Leistungen geringer wären als die der Wirtschaftslenkung. Es ist dies, wie wir sehen, in keiner Weise der Fall, aber es scheint doch notwendig, darauf hinzuweisen, dass das letzte Kriterium für eine Wirtschaftsordnung auch im Geistigen ruht und nicht im Wirtschaftlichen allein.“

Eine Soziale Marktwirtschaft im Sinne Müller-Armacks kennt daher kein wie immer geartetes Primat der Ökonomie: Letztere ist lediglich ein Instrument, nicht Selbstzweck. An diesem Punkt zieht er auch die Trennlinie zum Liberalismus: „Es war ein folgenschwerer Fehler des wirtschaftlichen Liberalismus, die marktwirtschaftliche Verteilung schon schlechthin als sozial und politisch befriedigend anzusehen und damit die Frage der zweckmäßigen technischen Austauschform mit der Frage des sozial und staatlich Erwünschten zu verquicken.“ Und es sollte somit auch nicht verwundern, wenn sich Müller-Armack jegliche Hochstilisierung der Marktwirtschaft zum gesellschaftlichen Kult verbittet: „Sie ist nur ein überaus zweckmäßiges Organisationsmittel, aber auch nicht mehr, und es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, der Automatik des Marktes die Aufgabe zuzumuten, eine letztgültige soziale Ordnung zu schaffen und die Notwendigkeiten des staatlichen und kulturellen Lebens von sich aus zu berücksichtigen.“ Soziale und kulturelle Lebensauffassungen müssten ihr vielmehr von außen aufgeprägt werden.

Gegen allgemeine Preis-, Miet- oder Lohnbindung

In ökonomischer Hinsicht bricht das Werk eine Lanze für Mittelstand und Kleinunternehmer: Großkonzerne und Firmenzusammenschlüsse betrachtet Müller-Armack als eher unerwünscht; die Wirtschaftspolitik müsse sich aktiv an den Interessen der kleinen und mittleren Betriebe ausrichten und dafür sorgen, dass deren Bestand nicht nur stabil bleibt, sondern sich ständig vergrößert. Eine konstruktive Wettbewerbspolitik habe dafür zu sorgen, dass Machtballungen und risikolose Gewinne unterbunden werden, und wo diese trotzdem anfielen, sollte sie der Staat abschöpfen.

Dieses Leitbild vom Markt entspricht dem Ideal, das heute wieder im Fokus der politischen Reden steht: einer streng am Konsumenten und an dessen Bedürfnissen ausgerichteten Kreislaufwirtschaft, in der jeder wirtschaftliche Akteur in einer Doppelrolle auftritt - einerseits als Erbringer von produktiven Leistungen, andererseits als Konsument. Da der individuelle Konsum vom Einkommen und damit von der Qualität des Leistungsbringers abhängt, ist die Soziale Marktwirtschaft besser als jedes andere System geeignet, große Bevölkerungsmassen in einer produktiven Zusammenarbeit zu verbinden. Die Entwicklung einer solchen Ordnung hin zum Finanzkapitalismus neoliberaler Prägung hätte Müller-Armack deshalb nicht nur bedauert, sondern wohl auch aktiv zu verhindern versucht.

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