https://www.faz.net/-gqz-91soe

Plädoyer für junge Politik : Schluss mit der Stagnation!

  • -Aktualisiert am

Die Babyboomer triumphieren

Angela Merkels Erklärung am Ende des TV-Duells, dass man „jetzt die Weichen für eine gute Zukunft stellen“ müsse, ist nichts anderes als eine PR-Floskel, denn weder CDU noch SPD scheinen sich für Zukunftsthemen zu interessieren. Das TV-Duell beweist: Die Babyboomer dominieren nicht nur die Schlüsselposten, sondern auch die Öffentlichkeit – und rechtfertigen in einem fort ihre stagnierende Politik. Manche von ihnen schreiben paternalistische Bücher, in denen sie Regeln verkünden, wie man als „guter Bürger“ die Demokratie – die „beste, die wir je hatten“ (Jürgen Wiebicke) – zu retten habe. Dabei erklären sie satt und nostalgisch, dass die Babyboomer-Generation sowieso alles richtig gemacht habe.

Die fehlende Innovationsfähigkeit der deutschen Politik lässt sich aber auch mit einem strukturellen Fehler der Demokratie erklären. Das übergeordnete Ziel freier Wahlen ist es, an Machtpositionen zu kommen. Dafür muss man mit Ideen werben, die mehrheitsfähig sind. Wenn die Mehrheit der Bürger über fünfzig Jahre alt ist, wird Politik eben für diese Altersgruppe gemacht. Wir Jüngeren gehören einer politisch irrelevanten Minderheit an. Dies widerspricht aber der fundamentalen Aufgabe von Entscheidungsträgern, Politik möglichst zukunftsoffen zu gestalten. Die konservative Status-quo-Fixiertheit ist gefährlich. Man braucht nur ins europäische Ausland zu schauen. Der Ausgang des Brexit-Referendums wurde von der älteren Wählerschaft entschieden, während die jüngeren Generationen mit den Konsequenzen zu leben haben, und zwar dann, wenn die (Un-)Verantwortlichen längst im Grab liegen.

Junge engagieren sich trotzdem

Nun könnte man einwenden: Jüngere sollten sich politisch einfach mehr engagieren. Bei der vergangenen Bundestagswahl gingen tatsächlich nur 60 Prozent der 21- bis 24-Jährigen zur Wahl – so wenig wie keine andere Altersgruppe. Aber auch dafür gibt es einen Grund. Wenn viele junge Menschen sich politisch nicht engagieren, dann deswegen, weil sie sich unterrepräsentiert und machtlos fühlen – zumindest in den traditionellen Strukturen. Was die (ältere) Mehrheit der Deutschen kaum sieht: Viele engagieren sich trotzdem. Sie gründen Thinktanks und Initiativen, leiten Studentenzeitschriften und starten Online-Petitionen. Sie gehen auf die Straße: gegen Trump, gegen Polens rechtskonservative Regierung und für Europa. Sie versuchen, in den Medien auf sich aufmerksam zu machen.

News per Whatsapp, Telegram und Messenger

Ab sofort versorgen wir Sie über Ihren Lieblingsdienst mit den Themen des Tages.

JETZT ANMELDEN

Gerade bei Zukunftsfragen wie Europa, Migration oder Digitalisierung wäre es so wichtig, dass junge Stimmen mehr Gehör finden. Junges Engagement braucht eine breitere politische Unterstützung, denn es gehört zu den Aufgaben der Politik, gute Rahmenbedingungen für das Engagement junger Menschen zu schaffen. Lösungsansätze für eine stärkere politische Beteiligung der jüngeren Generationen gibt es längst. Sie müssten von denen, die jetzt die Entscheidungen treffen, allerdings etwas ernster genommen werden als bisher.

Die Parteien müssen sich reformieren

Die politischen Partizipationsmöglichkeiten für Menschen unter dreißig sind extrem unattraktiv. Es fehlt an Angeboten, die zur Lebensweise der jüngeren Generationen passen: zeitlich begrenztes Engagement, ein breites Themenspektrum, digitale Informations- und Beteiligungsangebote. Parteiinterne Machtstrukturen machen es außerordentlich schwer, gehört zu werden. Dabei hätten die Parteien ein großes Eigeninteresse daran, sich jungen Leuten zuzuwenden. Mittelfristig sind sie davon bedroht, von Bewegungen abgelöst zu werden, die von zivilgesellschaftlichen Initiativen zu echten politischen Wettbewerbern werden – so wie es in Frankreich oder Spanien bereits der Fall ist. Die Jugendorganisationen der Parteien sind, wie die Parteien selbst, aufgrund ihrer rigiden Strukturen kaum in der Lage, neue Impulse zu liefern. Sie schaffen es nicht mehr, schlaue Köpfe für sich zu gewinnen. Die Parteien sollten sich deswegen dringend überlegen, wie sie sich selbst reformieren können, um ihren eigenen Nachwuchs zu sichern.

Weitere Themen

„Solos“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Solos“

„Solos“ läuft bei Amazon Prime Video

Topmeldungen

Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.