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Jamaika-Koalition : Sondiere das Unmögliche

Die Gespräche über eine mögliche Jamaika-Koalition gingen bis ins letzte Detail. Trotzdem gab es am Ende keinen Konsens. Bild: dpa

In den Gesprächen über eine mögliche Jamaika-Koalition haben die vier Parteien jedes Thema bis ins kleinste Detail erörtert. Doch ist das überhaupt hilfreich? Was Politik und Ehepaare verbindet.

          In der Theorie des Managements ist es seit langem eine Frage, in der Kindererziehung spielt es eine Rolle, und auch für die Soziologie der Ehe ist es von Belang: das Problem, ob Transparenz wirklich motiviert. Denn wenn alles ausgerechnet ist und übersichtlich auf dem Tisch liegt, die Pläne, die Gründe, die möglichen Folgen und die Ansichten aller Beteiligten, kommt es dann überhaupt noch zur Willensbildung? Schafft die rationale Organisation starke Motive, sich an ihr zu beteiligen? Sind zweifelsfreie Leistungskriterien ein Anreiz für Anstrengungen? Gelingt das Zusammenleben derer am besten, die sich über einander am klarsten sind? Oder lebt das alles von Ungewissheit? Braucht man, philosophisch formuliert, noch einen Willen, wenn der Verstand schon alles erörtert hat?

          Die gerade in Berlin gescheiterten Sondierungsgespräche erinnern an dieses Problem. Mehr als zweihundert Punkte seien auch am Schluss noch offen gewesen, so klagten die Liberalen. Man sondierte die politischen Festlegungen also fallweise und in erheblichen Mengen. Offenbar wollte man vorab über schlechterdings alles Einigkeit erzielen. Das Ausmaß dieser Einigkeit sollte den Willen zur Koalition bestimmen – und nicht umgekehrt aus dem Willen zu ihr sich die Bereitschaft ergeben, im Einzelnen kompromissbereit zu sein.

          Um im Bild der Ehe zu bleiben, das oft – „Koalitionen sind keine Liebesheirat, sondern Vernunftehen!“ – für Regierungsbündnisse bemüht wird, war es so, als verhandelte das Paar zusammen mit den Kindern erst einmal ausgiebig darüber, wer fürs Müllruntertragen, für Elternabende und für die Wäsche zuständig ist, welche Zubettgehzeiten wünschbar wären und welche Gespräche der Frau mit welchen anderen Männern Eifersucht begründen würden, um erst nach Abschluss dieser Gespräche dem Jawort nahezutreten. Wen würde es im Fall der Paarbildung wundern, wenn es dazu dann nie käme? Der Entschluss lebt ersichtlich vom Nichtwissen, die Sache selbst von der Fähigkeit, Abweichung zu bejahen.

          Möglichst große Übereinstimmung

          Alle elf Sekunden verliebe sich ein Liberaler in sich selbst, spottete das Internet im Wahlkampf über den Anflug von fotomodelhafter Autoerotik auf den Plakaten der FDP. Darin steckte mehr als ein billiger Witz. Denn jene Partnerbörsen, die so erfolgreich konjugieren, erwecken zumindest von fern den Eindruck, als gehe es dort sehr darum, dass Ähnliche einander finden. Eben darum werden ja lange Listen von Präferenzen mitgeteilt: Musikgeschmack, Essen eher beim Italiener oder japanisch, Urlaub in den Bergen oder am Meer, Lesen oder Rafting, Katzen oder Jagdhunde und so weiter. Jemand, der zu einem passt, soll im Sondierungsstadium jemand sein, der einem möglichst ähnelt. Ähnlichkeit als dissensvermeidendes Muster.

          Christian Lindner verkündet das Ende der Sondierungsgespräche.

          Dass dann das Überraschtwerden leidet, wird in Kauf genommen, weil darunter auch die bösen Überraschungen sein können. Vielleicht lässt es sich sogar so ausdrücken: Je stärker mit Empfindlichkeiten gerechnet wird, und zwar bei sich selbst wie beim anderen, desto mehr muss auf frühes Abgleichen des Gemeinsamen geachtet werden. Am besten, man klärt alles Wichtige, bevor man zum Äußersten schreitet.

          Wie viele Punkte aber umfasst „alles Wichtige“? In Paarbildung und Politik sehr viele Punkte. Weswegen Verhandlungen darüber vor allem Zeit kosten. Wenn jetzt noch Dritte eine Rolle spielen, beispielsweise weil Kameras und Mikrofone vor der Tür, haben wir, was sich in Berlin abspielte. Noch bevor es zum Jawort kam, war die Vernunft der Vernunftehe schon zerredet, öffentlich bezweifelt, hintergangen. Und zwar von den Beteiligten so sehr wie von den Beobachtern.

          Es fehlt die Phantasie

          Das wiederum erinnert an ein inzwischen bei vielen öffentlichen Vorhaben im Bereich der Kultur beobachtbares Muster. Noch bevor auch nur der erste Spatenstich erfolgte, die Premiere stattfand, das Museum eröffnet wurde und das Denkmal enthüllt, hat die Vorberichterstattung eigentlich erwiesen, dass es so ja überhaupt gar nicht gehen wird. Niemand wartet ab, bis eine Intendanz den Nachweis fehlender Gedanken erbracht hat. Lieber dreht und wendet man die Selbstauskünfte und Pläne so lange hin und her, bis auf der Hand liegt, dass das Ganze sowieso nichts taugen kann. Die Geduld, sich das Ergebnis anzuschauen und dann zu urteilen, wird selten aufgebracht. Stattdessen erfolgt der erste Aufschrei gleich nach der Pressekonferenz zur Projektskizze und den Absichtserklärungen. Man vertreibt sich die Zeit bis zu den Tatsachen händeringend mit Meinungen. Man könnte von Vorunlust sprechen.

          Gibt es doch die Grundlage für eine große Koalition?

          Sie hat auch die Politik erfasst. Wenn es jetzt beispielsweise heißt, eine neuerliche große Koalition werde wieder Mehltau über das Land legen, fehlt einfach die Phantasie dafür, dass sich nichts wiederholt; dass alles voll neuer strategischer und taktischer Möglichkeiten steckt; dass eine letzte große Koalition etwas anderes sein könnte als eine erste oder zweite. Entdecke die Unmöglichkeiten, lautet offenkundig die Devise in diesem etwas armseligen Spiel. An seinem Ende beklagen dann alle, dass niemand mehr in die Politik will.

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