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Koloniale Raubkunst : Muss das weg?

Miniaturmaske aus Benin im Stuttgarter Linden-Museum Bild: Wikipedia Creative Commons

Soll man die ethnologischen Museen räumen? Was ist da drin? Und wo schickt man die Stücke hin? Antworten auf wichtige Fragen zur Restitutionsdebatte.

          8 Min.

          1. Was ist das Problem?
          Jahrzehntelang ist niemand in die ethnologischen Museen hineingegangen. Dann kam man in Berlin auf die Idee, ein Schloss wiederaufzubauen, das zuletzt während der Kolonialzeit genutzt worden war, und darin die Kunst aus ehemaligen Kolonialstaaten auszustellen: das Humboldt-Forum. Plötzlich sprach man über die deutschen Verbrechen in Afrika, die davor nie einen rechten Platz in der deutschen Nachkriegsidentität gefunden hatten. Und fragte:

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          2. Ist es denn das richtige Signal für das 21. Jahrhundert, wenn Deutschland sich zum Zentrum der Welterklärung erklärt?
          Plötzlich waren die großen, stummen Welterklärungsanstalten in der Defensive.

          3. Gehören die Kunst- und Alltagsgegenstände, die man Angehörigen fremder Gesellschaften abgenommen oder abgekauft hat, nicht eigentlich diesen Gesellschaften?
          Vor zwei Wochen stellte sich Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron gegen die Politik all seiner Vorgänger- und aller befreundeten Regierungen und erklärte, alle koloniale Raubkunst sei unverzüglich zurückzugeben, angefangen mit 26 Werken, die eine französische „Strafexpedition“ 1892 in Benin erbeutet hatte.

          4. Warum kommt das Thema erst jetzt auf?
          Für viele Staaten ist das Thema so alt wie sie selbst. Nigeria und Äthiopien fordern seit ihrer Unabhängigkeit 1960 und 1961 Kulturgüter zurück. Und das unter den Franzosen gegründete Museum für afrikanische Kunst im senegalesischen Dakar wartet zum Beispiel bis heute auf die Rücksendung ganz normaler Leihgaben, die es bis 1967 nach Frankreich schickte. Das steht im „Restitution Report 2018“, den Macron bei der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und dem senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler und Schriftsteller Felwine Sarr in Auftrag gegeben hatte. Einen ähnlichen Bericht hatte Frankreichs Außenminister schon 1982 bestellt, und die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Hildegard Hamm-Brücher, forderte damals die „großzügige“ Handhabung der Restitutionsfrage. Es ist dann aber nichts passiert. Seit 1978 Uwe Timm den großartigen Rechercheroman „Morenga“ über den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama im heutigen Namibia veröffentlichte und Edward Said mit seiner Studie „Orientalismus“ den Postcolonial Studies den Weg bereitete, ist die allgemeine Neugierde darauf gewachsen, wie die Geschichte von außerhalb Europas und Nordamerikas aussieht. Was sicher, neben der Globalisierung, einer der Gründe dafür ist, dass das Thema jetzt zündet.

          Gründungsintendant Neil McGregor erklärt 2016 Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel im Humboldt-Forum das Humboldt-Forum.

          5. Um welche Objekte geht es?
          Berlins Sammlungen umfassen 500 000 Werke außereuropäischer Kunst. Im Hamburger Museum am Rothenbaum zählt man noch, wie viele von den 265 000 ursprünglichen Stücken im Krieg verlorengingen, wahrscheinlich ein Drittel. 200 000 ethnologische Objekte sind im Leipziger Grassimuseum, 160 000 im Stuttgarter Linden-Museum, genauso viele im Münchner Museum Fünf Kontinente, 90 000 in Dresden, 84 000 im Bremer Übersee-Museum, gut 67 000 im Frankfurter Weltkulturen-Museum, 65 000 im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln. Dazu kommen die ethnologischen Sammlungen der Universitäten und private Sammlungen.

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