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Social Media : Digitale Provinzler statt Kosmopoliten

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Die Tendenz zur Standardisierung in der digitalen Kommunikation ist nicht zu verwechseln mit der Konventionalisierung von Sprache. Sprachkonventionen waren gerade charakteristisch für die bürgerliche Briefkommunikation. Anrede und Schlussformel, rhetorische Fragen und so weiter bildeten hier ein Geflecht sprachlicher Regeln, deren Beherrschung den subjektiven Ausdruck, der über das Konventionelle hinausweist, überhaupt erst möglich machte. Die Unterscheidung zwischen Konvention und Affekt, vorgefundener Form und subjektivem Ausdruck wird jedoch in der standardisierten digitalen Kommunikation aufgelöst.

Rückkehr als immanente Brutalität

Die Affektschablonen, mit denen Gewohnheitsnutzer der sozialen Netzwerke so geschickt wie schamlos umgehen, sind konstitutiv taktlos: Wo eine konventionelle Sprachgeste gefordert wäre, erscheinen sie plump und roh (wie die weinenden Gesichter unter geposteten Nachrufen); wo der subjektive Ausdruck verlangt wäre, wirken sie routiniert und kalt (wie die Herzchen unter Texten, die jemandem besonders gut gefallen). Der durch die Irrealisierung der Vermittlung ausgeblendete Widerstand kehrt in den digitalen Kommunikationsformen so als immanente Brutalität zurück – wie als Rache dafür, dass ihre Nutzer sich die Anstrengung der Vermittlung dank geschickter Kombination von Schablonen glauben sparen zu können.

Die Rohheit der digitalen Kommunikationsformen, von der Hass-Postings nur ein drastischer Ausdruck sind, verleiht der Rede vom „globalen Dorf“ Plausibilität. Die sozialen Netzwerke sind, da es zwar lauter beruflich Weltreisende, aber keine Kosmopoliten mehr gibt, zum Medium eines internationalisierten Provinzlertums geworden, dessen Angehörige in der Überzeugung, mit der ganzen Welt vernetzt zu sein, unter sich bleiben. Nicht nur bleibt jede Kommunikationsgeste auf den eigenen digitalen Anhang bezogen, die Individualisierung der Profile sorgt auch dafür, dass jeder nur noch zu lesen und zu sehen bekommt, was ihn ohnehin interessiert. Und wie Kumpel am Stammtisch geben die Vernetzten einander halb ironische, halb despektierliche Phantasienamen. Man fällt sich ins Wort (die Vermündlichung der Schriftsprache ist eine virulente Tendenz der digitalen Kommunikation), beschimpft sich und verträgt sich. Der kommunikative Konformismus, der dadurch entsteht, simuliert zwischen atomisierten Individuen, was in der Dorfgemeinschaft noch Wirklichkeit war.

Es würde sich lohnen, vor diesem Hintergrund noch einmal Marshall McLuhan zu lesen. Dieser war nämlich, anders als oft geglaubt wird, kein Prophet, sondern ein Skeptiker der digitalen Kommunikation und wollte die Metapher vom globalen Dorf nicht als Utopie, sondern als Warnung verstanden wissen: davor, dass die technologischen Netzwerke nicht die weltweite Verwirklichung, sondern den universalen Verrat des amerikanischen Traums befördern könnten.

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