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Social Freezing : Seid fruchtbar, aber später!

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Und selbst wenn eine Angestellte zwanzig Jahre kinderlos bleibt und dann in ihren Vierzigern den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Partner abpassen möchte, fällt die Vorstellung schwer, dass ein Konzern, der Zehntausende Dollar in ihren Schwangerschaftsaufschub investiert hat, sie ohne weiteres freistellt. Dies bleibt also in vielerlei Hinsicht das bioökonomische Risiko des „Social Freezings“: dass das Konto der Fruchtbarkeit, das eine Frau einmal mit dem Cash ihrer Keimzellen eingerichtet hat, eines Tages gesperrt wird oder sich als ungedeckt erweist.

Warum gerade Apple und Facebook?

Aufschlussreich ist, dass die ersten Konzerne, die ihren Mitarbeiterinnen das kostenlose Einfrieren von Eizellen ermöglichen, aus dem Bereich der digitalen Kultur stammen. Nicht allein, dass Facebook und Apple von ihren Angestellten zweifellos stärkere Identifikation mit dem Unternehmen erwarten, eine engere Verzahnung von beruflicher und privater Existenz als andere Betriebe. Dieses Angebot kommt überdies von einer Industrie, die wie keine andere in den letzten zehn Jahren auf die kollektive Gestaltung und Repräsentation des persönlichen Lebens Einfluss genommen hat. Die „Timeline“ des Facebook-Profils soll sich seit ihrer verpflichtenden Einführung im Jahr 2012 zur Biographie jedes Nutzers verdichten; sie „erzählt die Geschichte deines ganzen Lebens auf einer einzigen Seite“, wie Mark Zuckerberg bei der Vorstellung dieses Elements sagte.

Wenn man sich zudem das bekannte Unternehmensmantra der „Transparenz“ vergegenwärtigt, wirkt der Vorschlag, neue Mitarbeiterinnen sollten bei Vertragsabschluss auch ihre Familienplanung offenlegen und vom Arbeitgeber vorfinanzieren lassen, wie ein konsequenter und fälliger Schritt. Social Media und „Social Freezing“: zwei Facetten des „Sozialen“ (oder besser: des „Öffentlichen“), die Wissen über den Menschen sammeln, die ihn erfassbar und berechenbar machen. Die Logik der Eizellkonservierung folgt dabei ein wenig dem milieubedingten Vorbild des Programmierens: Man schreibt einen Code, der im Fall des Falles als Back-up gebraucht und mit einen Knopfdruck aktiviert werden kann.

Die Eizellen sind gezähmt

Ob „Social Freezing“ also die Souveränität der Frauen stärkt oder schwächt: Deutlich machen die aktuellen Diskussionen in jedem Fall, dass die Reproduktionstechnologien die Rohstoffe des Lebens endgültig in Dinge verwandelt haben, die wie Waren finanziert und gelagert werden können. Die Eizelle verhielt sich lange widerspenstig gegen diesen Sog; wo sich Spermien schon seit achtzig und Embryonen seit dreißig Jahren ohne Schaden tiefkühlen ließen, waren die weiblichen Gameten bis vor kurzem kein vollständig verfestigtes Objekt der Fortpflanzungsmedizin, konnten nicht in „Banken“ konserviert werden. Nun ist auch dies möglich, und vermutlich werden sich nach der Geburt von Kindern mit Hilfe lange eingefrorener Eizellen genau dieselben Diskussionen wiederholen, die man etwa im Zusammenhang mit Kindern kennt, die aus einer Samenspende entstanden sind.

Manche dieser Menschen, die von ihrer Erzeugungsweise erfahren haben, leiden unter einer tiefen Desorientierung, die den Zeitpunkt ihrer Zeugung und damit ihr eigenes Alter betrifft. Zwischen der Gewinnung der Keimzellen und dem Augenblick der Befruchtung können viele Jahre liegen, und der eigene Ursprung wird zu einer verschwommenen Kategorie. Kinder, die auf natürlichem Wege gezeugt werden, können bereits aus dem Wissen, der sexuellen Vereinigung ihrer Eltern zu entstammen, ein Maß an innerer Orientierung ziehen: Ihre Existenz ist die Folge eines Ereignisses, an dem beide Elternteile simultanen, in aller Regel bewussten Anteil haben. Wie alt mag sich dagegen ein Kind fühlen, das eines Tages erfährt, dass die Keimzellen seiner Mutter schon zwanzig Jahre vor seiner Geburt entnommen wurden?

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