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Social Freezing : Seid fruchtbar, aber später!

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Apple und Facebook bezahlen ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen, damit sie auch noch später Kinder bekommen können. Finden Sie das Verhalten der Unternehmen richtig?

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Zweifellos geht von der Methode eine emanzipatorische Kraft aus: Die natürliche Ordnung der Fruchtbarkeit beim Menschen ist ungerecht verteilt; während der Mann bis ins höchste Alter Nachkommen zeugen kann, endet die weibliche Fortpflanzungsfähigkeit gewöhnlich zu Beginn des fünften Lebensjahrzehnts. Diese Grenze stellt den Lebensplan vieler Frauen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, bekanntlich auf die Probe und hat die Reproduktionsmediziner seit mehr als dreißig Jahren mit immer älteren Klientinnen versorgt. Die vielzitierte „biologische Uhr“ würde aber ihr Ticken einstellen, sobald eine Frau ihre Eizellen einfrieren und zu beliebiger Zeit – auch nach der Menopause – für eine Schwangerschaft verwenden könnte. Ihre Fruchtbarkeit ließe sich wie die des Mannes praktisch endlos aufschieben; denn wie die Gynäkologie seit einem Vierteljahrhundert weiß, wird weibliche Fertilität alleine durch die endliche Verfügbarkeit von Eizellen limitiert.

Noch sehr bescheidene Erfahrungen

Die Idee des „Social Freezings“ hat also das Potential einer Erleichterung – und wer sie reflexartig ablehnt, verschließt die Augen vor der latenten Anspannung der meisten Frauen im Berufsleben, vor ihrem Wissen, dass die vorübergehende Unterbrechung und Reduzierung der Arbeit immer noch so gut wie gleichbedeutend ist mit der Gewissheit, über eine bestimmte Grenze des Rangs und des Verdiensts nicht mehr hinauszukommen. Die Möglichkeit, den Zeitpunkt einer Schwangerschaft zu verschieben, in ein Stadium des Berufslebens, das eine längere Abwesenheit eher erträgt, könnte diese Anspannung lindern.

Dennoch sind gewisse Probleme und Ungewissheiten mit der Prozedur verbunden. Zum einen ist es die Frage, ob das Verfahren überhaupt funktioniert. Von den zwei- bis dreitausend Kindern, die bislang weltweit mit Hilfe von tiefgefrorenen Eizellen geboren wurden, sind die allermeisten aus einer Eizellspende hervorgegangen, das heißt, der Zeitraum zwischen dem Einfrieren der Spenderinnenzelle und dem Auftauen war kurz, höchstens einige Monate. Länger als ein gutes halbes Jahrzehnt wurde bis heute noch keine zur Befruchtung verwendete Eizelle vitrifiziert; man weiß schlichtweg nicht, was es für die Beschaffenheit der Gameten und die Gesundheit des Babys bedeutet, wenn eine heute 25-jährige Facebook-Mitarbeiterin im Jahr 2031 mit Hilfe ihrer konservierten Fruchtbarkeitsreserve Mutter werden will. Die Fortpflanzungstechnologie setzt hier, wie auch bei Methoden wie der Präimplantationsdiagnostik, ganz auf Prognosen, auf den Glauben der Patienten an das paradiesische Heil der Zukunft: Es gibt verborgene religiöse Strukturen unter der hochrationalen Oberfläche der Medizin.

Karriereplanung und Commitment

Zum anderen bleibt natürlich der Zweifel, ob die vom Arbeitgeber finanzierte Konservierung der Eizellen wirklich das passende Mittel ist, um Frauen die harmonische Verbindung von Familie und Beruf zu ermöglichen. Vielleicht ist eher das Gegenteil der Fall, und „Social Freezing“ zementiert die Trennlinie zwischen „Kind“ und „Karriere“. Denn sollte das Einfrieren von Gameten wirklich einmal zum etablierten Angebot von Unternehmen werden, würden alle herkömmlichen Sozialmodelle für Mütter – Elternzeit oder Teilzeitarbeit – mit dem Makel der Abweichung versehen sein. Wer in einer Welt der großzügig finanzierten Eizellkonservierung zu Beginn der Laufbahn schwanger wird, in jungen Jahren und auf natürlichem Wege, hätte das Vertrauen in eine große Karriere mit unbedingtem Commitment wahrscheinlich noch rigoroser verspielt als heute.

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