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Sahra Wagenknecht : Stehgast auf dem Sonnendeck

Linker Universalismus trifft Identitätspolitik: Sahra Wagenknecht und Katja Kipping Bild: dpa

Das Parteiausschlussverfahren gegen Sahra Wagenknecht zeigt die narzisstische Lähmung der identitätspolitischen Linken. Die latente Botschaft lautet: Bitte verlass uns nicht!

          3 Min.

          Selbstgerecht. Das Wort liegt auf der Hand nach der Ankündigung der Linkspartei, das Parteiausschlussverfahren gegen Sahra Wagenknecht zuzulassen. Wer links ist, fliegt raus bei der Linkspartei oder soll es zumindest nach der Vorstellung jener Mitglieder, die einen der beiden Anträge lanciert haben. Der Parteispitze kommt das Verfahren, das wahrscheinlich erfolglos bleiben und im Bundestagswahlkampf Stimmen kosten wird, ungelegen. Von Wagenknecht wird es genussvoll als Beweis für ihre These herangezogen, die Lifestyle-Linken, die es auch in ihrer Partei gebe, hätten kein anderes Argument als den Ausschluss von Kritikern.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Ist die Linke eine Lifestyle-Partei? Das hat sie mit der Zulassung des Antrags mindestens zum Teil mit Ja beantwortet. Gegen Wagenknecht steht kein Biologismus-Vorwurf im Raum wie beim Ausschlussverfahren gegen den ehemaligen SPD-Genossen Sarrazin, sie hat sich auch keine Aussetzer geleistet wie der Immer-noch-Grüne Boris Palmer. Das einzige Beweismittel, das gegen sie angeführt wird, ist ihr jüngstes Buch „Die Selbstgerechten“. Sahra Wagenknecht wird vorgeworfen, die Wahrheit über ihre Parteigenossen gesagt zu haben. Sie hat ausgeplaudert, dass beträchtliche Teile der Linkspartei nicht mehr an die Werte der Aufklärung und die Idee sozialer Gerechtigkeit glauben, die sie im Namen der Identitätspolitik aufgegeben haben. Sie haben die Seite der Sieger gewählt, ohne zu bemerken, dass man sie dort gar nicht haben will.

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