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Abtreibungsgesetz in Irland : Die unaufhaltsame stille Revolution

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Ein Wandbild erinnert an Savita Halappanavar, der eine Abtreibung verweigert wurde und die an den Folgen ihrer Schwangerschaft starb. Bild: dpa

Mit dem eindeutigen Votum für die Lockerung des Abtreibungsrechtes sind die Iren nicht nur einen weiteren Schritt in dem langen Liberalisierungsprozess gegangen. Sie haben sich auch von der moralischen Heuchelei gelöst.

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          Unmittelbar nach seiner Ernennung zum irischen Außenminister in der 1948 gebildeten Koalitionsregierung hat der spätere Friedensnobelpreisträger Seán MacBride dem mächtigen konservativen Erzbischof von Dublin, John Charles McQuaid, den Vorschlag unterbreitet, die Ausreise von Frauen unter einundzwanzig Jahren einzuschränken, um die Umgehung des Abtreibungsverbotes in der Republik zu verhindern. Wenige Monate zuvor hatte der Politiker im Namen seines streng katholischen Ministerpräsidenten ein Schreiben an Papst Pius XII. gerichtet.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Darin drücken die Mitglieder des Kabinetts ihren Wunsch aus, Seiner Heiligkeit die Versicherung ihrer Ergebenheit und die feste Entschlossenheit zu Füßen zu legen, „uns in all unserem Tun von der Lehre Christi leiten zu lassen und die Verwirklichung einer auf christlichen Grundsätzen ruhenden Gesellschaftsordnung in Irland anzustreben“.

          Damit bekräftigte der Staat den Respekt, um nicht zu sagen seine Unterwürfigkeit gegenüber der „Heiligen Katholischen, Apostolischen und Römischen Kirche“, deren Sonderstellung „als Hüterin des Glaubens, zu dem sich die überwiegende Mehrheit der Bürger bekennt“, bis 1973 in der „im Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit“ erlassenen Verfassung von 1937 verankert blieb.

          McQuaid, der sein Amt mehr als dreißig Jahre innehatte und enormen Einfluss ausübte, war ein leidenschaftlicher Verfechter der katholische Hegemonie. Nach seiner Auffassung durfte nichts die moralische Autorität der Kirche beeinträchtigen. So stemmte er sich gegen jede Form der politischen Liberalisierung, sei es die Legalisierung von Verhütungsmitteln oder der Abtreibung.

          Für das moralische Wohl ist die Kirche zuständig

          Auch das Vorhaben des Gesundheitsministers in den fünfziger Jahren, die soziale Wohlfahrt in Irland mit einem Programm für die kostenlose Beratung und medizinische Betreuung von Schwangeren auf den Stand anderer westlicher Länder zu bringen, scheiterte nicht zuletzt am Widerstand des Erzbischofs. McQuaid argumentierte, dass das Programm ledigen Müttern bloß als Anreiz dienen werde, und verurteilte es zudem als Übergriff des Staates auf die Freiheit der Bürger, für deren moralisches Wohl schließlich die Kirche zuständig sei.

          Diese Einstellung machte McQuaid auch im Geistesleben durch die Zensur geltend. Seine Haltung begründete er mit dem Satz: „In diesem Lande sehen wir davon ab, zweierlei Auffassungen von Moral zu pflegen, eine für die Ästhetik und eine für das Leben.“ In den sechziger Jahren rief er den damaligen Justizminister Charles Haughey in den Bischofspalast, um ihm Edna O’Briens als skandalös empfundenen Debütroman „The Country Girls“ („Die Fünfzehnjährigen“) vorzulegen, der durch die Erfahrungen von zwei Mädchen aus der Provinz den kulturellen und gesellschaftlichen Würgegriff von Kirche und Staat in Frage stellte.

          McQuaid hielt nach dem Besuch des Justizministers zufrieden fest, Haughey sei „wie so viele anständige katholische Männer mit wachsenden Familien“ von der „Anschauung und den Beschreibungen erschlagen“. Die von der Regierung Haughey Ende der siebziger Jahre eingeführte Lockerung des Verhütungsverbotes erlebte der Kirchenfürst nicht mehr.

          „Das Abtreibungsverbot erkennt Irlands Heiligkeit an“

          Im Lichte seines katholischen Konservatismus mag es überraschen, dass McQuaid damals nicht auf Séan MacBrides Vorschlag einging, die Ausreise von jungen Irinnen einzuschränken. Wie der renommierte Publizist, Diplomat und Politiker Conor Cruise O’Brien in seinen Erinnerungen sardonisch bemerkte, sei dies eher aus der Einsicht erfolgt, dass die Erschwerung von Abtreibungen außerhalb der irischen Gerichtsbarkeit eine kontraproduktive Wirkung haben könne, weil doch die Möglichkeit, das Gesetz im Ausland zu umgehen, eine durchaus nützliche Funktion als Ablassventil erfülle.

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