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Sloterdijk antwortet : Das elfte Gebot: die progressive Einkommenssteuer

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Nun kann ich Ihnen, liebe „Zeit“-Redaktion, mit einfachen Worten erklären, warum ich an einer „Debatte“, wie Sie sie vorschlagen, nicht teilnehmen kann. Zu einer Debatte gehören Kenntnisse - in unserem Fall wären dies ausführliche Lektüren in den Schriften des Kontrahenten. Wenn aber unser aufgeregter Philosophieprofessor nicht fähig und nicht willens ist, einen Aufsatz von zehn, zwölf Seiten nach den Regeln der Kunst zu rezipieren, ohne gröbste Verzerrungen vorzunehmen, ja, ohne die Grundaussage auf den Kopf zu stellen, dann hat es von vorneherein keinen Sinn, mit ihm über den Unterschied zwischen seinem und meinem „Modus des Philosophierens“ zu reden.

Ein Lektürerückstand von achttausend Seiten

Die Wahrheit ist doch, unser Professor hat in Bezug auf meine Arbeit einen Lektüre-Rückstand von, freundlich geschätzt, sechstausend bis achttausend Seiten - was sinngemäß besagt, dass er wahrscheinlich weniger als zehn Prozent meiner Publikationen kennt, möglicherweise nicht einmal so viel und selbst diesen Rest nur flüchtig und ohne guten Willen zum adäquaten Referat. Gegen solche Defizite hilft auch das hastige Herumblättern und das zufällige Zitieren aus willkürlich aufgeschlagenen Büchern nicht - eben dies ist das Verfahren, das er in dem „Zeit“-Artikel an den Tag legt, um Kenntnisse vorzutäuschen. Alles, was der Autor des polemischen Artikels aus meinen Schriften anführt, sind typische Last-minute-Zitate; seine Kommentare sind durchwegs von enttäuschendem Niveau und meistens schon auf der simpelsten Verständnisebene falsch. Aus seinen Bemerkungen zu meinem Werk spricht allein eine moralisch relevante Tatsache: dass er zu desinteressiert, zu müde und zu humorlos ist, als dass er sich dem Anspruch meiner Arbeiten aussetzen könnte. Niemand hat ihn dazu gezwungen, über meine Bücher eine Meinung zu haben - aber wenn er eine solche äußern möchte, sollte er sie auf Grund von Kenntnissen vortragen und nicht unter dem Einfluss von automatischen Abwehrreflexen.

Ein letztes Wort zu dem von Ihnen geäußerten Wunsch, eine breite Debatte über den Gegensatz von „Professorenphilosophie“ und „literarischer Philosophie“ in Gang zu setzen: Dies könnte nur dann zu einer erhellenden Auseinandersetzung führen, wenn es den so bezeichneten Gegensatz wirklich gäbe. In Wahrheit, fürchte ich, existiert eine solche Front allein in der Einbildung von verständnislosen externen Beobachtern. Es gibt nur plausible und unplausible Argumente, kreatives und stagniertes Denken, mutige und feige Reflexion, großzügige und bornierte Gesinnung, interessante und langweilige Schreibweise. Es wäre verrückt zu glauben, solche Gegensätze hätten etwas mit dem „Gattungsunterschied“ zwischen akademischem und literarischem Theorie-Stil zu tun. Dies wäre eine Beleidigung für die guten Autoren auf beiden Seiten und ein Affront gegen die guten Leser hier wie dort. Nun urteilen Sie selbst, wo unser ziemlich boshafter und sehr leseschwacher Philosophieprofessor einzuordnen ist.

Was lernt man aus der ganzen Affäre? Ich denke: nichts, was nicht längst offenkundig war. Ich besitze seit längerer Zeit eine beachtliche Sammlung an Beispielen dafür, wie weit manche abgehängte Kollegen bei der Zurschaustellung ihrer Stagnation und Frustration zu gehen bereit sind. Nun hat unser unglücklicher Frankfurter Professor ein neues Beispiel hinzugefügt. Enthält es eine neue Information? Ich sehe keine, außer vielleicht dieser: So, wie es kein staatlich festlegbares Limit für die Gier von Finanzmanagern gibt, so gibt es auch keine legale Obergrenze für Giftkonzentrationen in glücklosen Philosophieprofessoren.

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