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Sloterdijk antwortet : Das elfte Gebot: die progressive Einkommenssteuer

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Mein Aufsatz nimmt gegenüber dieser Entwicklung eine bedingungslos bejahende Perspektive ein. Seit Jahren werde ich nicht müde, auf einschlägigen Konferenzen meine Überzeugung zu bekennen, dass die progressive Einkommenssteuer die maßgeblichste moralische Errungenschaft seit den Zehn Geboten darstellt. Weil ich die Denkfigur des Gegendiebstahls wichtig, um nicht zu sagen: epochal bedeutsam finde (sie hat von Rousseau über Marx und Lenin bis hin zu Steinbrück Geschichte gemacht), verwende ich für sie gelegentlich auch das provozierende Wort „Kleptokratie“ - ein Ausdruck, der geeignet ist, Habende und Nichthabende aus ihrem dogmatischen Schlummer zu wecken.

Ein Plädoyer für die Umstellung von Enteignung auf Spende

Als unverbesserlicher Verteidiger einer sozialdemokratischen (oder wie ich der Deutlichkeit zuliebe sage: semi-sozialistischen) Logik habe ich nur einen einzigen, allerdings schwerwiegenden Einwand gegen die bestehenden Verhältnisse vorzubringen: Ich nehme daran Anstoß, dass niemand das aktuelle System der Zwangsbesteuerung als solches in Frage stellt - auch wenn man hin und wieder über die „Vereinfachung“ der Besteuerungsverfahren und über deren Reform im Sinne der „sozialen Gerechtigkeit“ diskutiert. Nirgendwo wird auch nur hypothetisch darüber nachgedacht, ob es nicht besser insgesamt durch eine geregelte Praxis der öffentlichen Spenden zu ersetzen wäre. Tatsächlich endet mein Aufsatz mit dem Aufruf zu einem moralisch und politisch anspruchsvollen Gedankenexpriment: Angenommen, der moderne Staat brauchte tatsächlich genau die Summen, die er heute durch Zwangssteuern eintreibt: So soll er sie erhalten.

Jedoch: Wäre es dann nicht viel würdevoller und sozialpsychologisch produktiver, dieselben Beträge würden nicht durch fiskalische Zwangsabgaben aufgebracht, sondern in freiwillige Zuwendungen von aktiven Steuerbürgern an das Gemeinwesen umgewandelt? Würde man nicht erst nach dieser Umstellung von Enteignung auf Spende wirklich von einer Zivilgesellschaft sprechen dürfen, in der die Bürger mit dem Gemeinwesen durch eine permanente Selbstüberwindung und eine stetige Bestätigung des Etwas-Übrig-Habens fürs Allgemeine und Gemeinsame verbunden sind? Würde nicht erst durch eine solche Veränderung die Wende von einer gierbeherrschten zu einer stolzbewegten Gesellschaftsform bewirkt, von der so viele Kritiker der bestehenden Verhältnisse - gerade auch im linken Spektrum - zu träumen schienen? Was soll überhaupt aus einer Linken werden, die exklusiv an den Begriffen „Enteignung“ und „Besteuerung“ klebt und der zu einer Ethik der Gabe schlechterdings nichts einfällt?

Lesen wir vor diesem Hintergrund das Referat des Philosophieprofessors, dem Ihre Zeitung zwei volle Seiten zur Verfügung gestellt hat, damit er die Ergebnisse seiner Befassung mit meinem Aufsatz dem Publikum vermittle! Was lesen wir? Da steht, ob man seinen Augen traut oder nicht, tatsächlich Folgendes: Der Verfasser des F.A.Z.-Aufsatzes rufe die Wohlhabenden zum „antifiskalischen Bürgerkrieg“ auf! Da steht: Der gute Mann, dessen Ansichten bedauerlicher viele interessant finden, habe seinen Kredit jetzt endgültig überzogen, ja, man habe Grund, sich über den Zustand der Demokratie Sorgen zu machen, solange unseriösen Stimmen wie dieser überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Eine auf den Kopf gestellte Grundaussage

Das Verfahren, das unser Professor für seine Auslassungen wählt, ist gewiss nicht neu: Er erfindet eine abstruse These, um sich über sie aufregen zu können - und indem er seine Hysterie exhibiert, wünscht er, eine möglichst große Zahl von Uninformierten in seine Aufgeregtheit mitzunehmen. Üblicherweise funktioniert so etwas hierzulande ziemlich gut, bevor eine genauere Lektüre zur Entzerrung des Geschehens führt.

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