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Abriss Deutschlandhaus : Entfernung einer Identität

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Ein Wahrzeichen der hanseatischen Moderne soll Investorenwünschen weichen: das Deutschlandhaus im Jahr 1930. Bild: Ullstein

Der geplante Abriss des von den jüdischen Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld entworfenen Deutschlandhauses in Hamburg ist ein Skandal. Ein Gastbeitrag.

          Wer heute über Fragen des „kulturellen Erbes“ spricht, wird kaum dessen Bedeutung für ein gemeinschaftsstiftendes Miteinander bestreiten. Umso erstaunlicher ist, wie robust im Bereich des Städtebaus – zumal unter den Bedingungen des überhitzten Immobilienmarktes – die Öffentlichkeit immer wieder von der Mitsprache ausgeschlossen wird. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass im Herzen Hamburgs jetzt der Abriss eines historisch und städtebaulich bedeutenden, identitätsstiftenden Bauwerkes beschlossene Sache zu sein scheint, ohne Beteiligung der Hamburger Bürger, ja geradezu an ihnen vorbei?

          Vom Abriss bedroht ist das Deutschlandhaus, das 1929 von Fritz Block und Ernst Hochfeld fertiggestellt wurde. Hier war einst der Ufa-Palast untergebracht, mit dem zu seiner Zeit größten Kinosaal Europas. Der Bau war ein frühes und bedeutendes Beispiel der Stahlskelettbauweise, aus bautechnologischer Perspektive ein in jedem Fall zu schützendes Gebäude. Viel bedeutender wiegt allerdings die Tatsache, dass das Deutschlandhaus ein architektonisches Pendant zur Finanzbehörde bildet, die zwischen 1918 bis 1926 nach Plänen von Fritz Schumacher, dem Architekten und Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, errichtet wurde. Als Hamburger Oberbaudirektor trat Schumacher für die Wiederbelebung der norddeutschen Backsteinästhetik ein, eine klare Rückbesinnung auf das architektonische Erbe der Hansestadt. Beide zum Ende der zwanziger Jahre fertiggestellten Gebäude sind ein selbstbewusstes Bekenntnis zum Neuen Bauen: Deutschlandhaus wie Finanzbehörde bringen mit ihren Fensterbändern und den dynamisch abgerundeten Ecken eine eigene, hanseatische Interpretation der Moderne in die Stadt. Zugleich antwortet das Ensemble auf das 1922 bis 1924 erbaute expressionistische Chilehaus Fritz Högers am anderen Ende der Stadt, definiert und markiert mit diesem zusammen selbstbewusst den Innenstadtbereich. Deutschlandhaus und Finanzbehörde geben bis heute dem Gänsemarkt ein unverwechselbares, städtebaulich einzigartiges Gesicht.

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          Und doch scheint, so erklären Hamburger Kulturbehörde und das ihr angegliederte Denkmalamt, ein Abriss des Deutschlandhauses unumgänglich zu sein. Keine Handhabe, so heißt es, habe das Amt gegenüber der ABG-Gruppe, die aus Kapazitätsüberlegungen und aufgrund veränderter „heutiger Anforderungen moderner Nutzer“ einen Neubau bevorzugt. Das Gebäude stehe nicht unter Denkmalschutz, da es kriegsbeschädigt war und in den siebziger und achtziger Jahren nicht denkmalgerecht umgebaut wurde. Zu keinem Zeitpunkt wurde daran gedacht, eine der national bekannten Ikonen des Neuen Bauens unter Denkmalschutz zu stellen. Vor dem Hintergrund eines Bewusstseins für historische Schichtungen eines Stadtorganismus, für architektonische Nachhaltigkeit und ein gemeinsames Kulturerbe, das gerade in Hamburg durch den Zweiten Weltkrieg erheblich dezimiert wurde, mutet der Vorgang bizarr an. Dabei ist auch die Tatsache, dass es sich bei dem Deutschlandhaus um das Werk zweier Architekten handelt, die 1933 aufgrund ihres jüdischen Glaubens aus dem Bund Deutscher Architekten ausgeschlossen und ins Exil gedrängt wurden, von einiger Brisanz. Denn das Gebäude ist, auch in seiner jetzigen, formal nicht denkmalgerechten Form, das Zeugnis eines lebendigen deutsch-jüdischen Miteinanders, an dem sich die Frage eines Abrisses nicht stellen sollte, sondern, ganz im Gegenteil, vielmehr seine denkmalgerechte Wiederherstellung diskutiert werden müsste.

          Natürlich hat der Denkmalrat Hamburg, der jetzt eine Stellungnahme veröffentlicht hat, recht mit der Forderung, dass die Dimensionen des geplanten Neubaus und seine Silhouette an die sensible Situation des Ortes angepasst werden müssen. Doch die Hamburger Öffentlichkeit und Stadtregierung brauchte noch mehr: eine kritische Diskussion darüber, welches Gesicht der Stadt gegeben werden soll, auf welches Erbe wir uns berufen. Es zeichnet sich gerade in der Hamburger Innenstadt ab, dass ein zunehmend verglastes, lediglich Investorenwünschen folgendes, geschichtsvergessenes Konglomerat von Funktionsarchitektur eine Illusion von Stadt abgeben soll.

          Das Deutschlandhaus ist für die Hamburger Identität wichtig. An dem jetzigen Skandal um den geplanten Abriss werden grundlegende Probleme unseres Denkmalbegriffs deutlich. Es geht um unser kulturelles Erbe. Denkmalpflegerisch erhaltenswert ist keineswegs nur ein Bau, der das Glück hatte, in einer vom Feuersturm weitgehend zerstörten Stadt wie Hamburg relativ intakt überdauert zu haben. Erhaltenswert ist ein Bau auch, wenn er wie das Deutschlandhaus ein städtebauliches Ensemble formt, einen Ort von moderner Urbanität markiert, der im Stadtbild Orientierung und für seine Bürger Identifikation ermöglicht.

          Es gibt nicht nur eine einzige Geschichte, sondern es gibt historische Zeitschichten: Den Reiz einer Großstadt machen gerade solche Bauten aus, die etwas über den Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Kultur und ihrem kulturellen Selbstverständnis erzählen können. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, über das Deutschlandhaus öffentlich zu sprechen, in einer Expertenrunde aus Bauhistorikern, Architekten, Denkmalpflegern und Kommunalpolitikern gemeinsam mit den Investoren, und das deutsch-jüdische Erbe angemessen zu behandeln.

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