https://www.faz.net/-gqz-8og62

Militärhistoriker über Aleppo : Nicht wieder Gott spielen!

Dieses Kind ist mit seiner Familie aus den Rebellengebieten geflohen und wohnt nun in einer Unterkunft im Osten Aleppos. Bild: AFP

Beweist Aleppo das Versagen der internationalen Gemeinschaft? Ein Gespräch mit dem Militärhistoriker Sönke Neitzel über das Machtvakuum, das von Russland genutzt wird, die Grenzen der Ohnmacht und die Verpflichtung des Westens

          Herr Neitzel, wer oder was kann den Menschen in Aleppo jetzt helfen?

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man kann jetzt eigentlich nur noch versuchen, diplomatisch Druck auf Assad und auf Russland auszuüben, um die Not der Bevölkerung zu lindern. Aber die Einflussmöglichkeiten des Westens sind begrenzt.

          Gab es aus Ihrer Perspektive zu irgendeinem Zeitpunkt eine realistische nicht-militärische Möglichkeit, das zu verhindern, was sich jetzt in Aleppo abspielt?

          Ohne den Einsatz militärischer Mittel wäre es nicht zu verhindern gewesen. Und nach der Erfahrung in Libyen hat das der Westen ja ganz bewusst ausgeschlossen. Erinnern wir uns: Im März 2011 befürchtete man ein Massaker der Truppen Gaddafis in Benghasi. Daraufhin folgte ein großer Aufschrei in Europa: „Wir müssen eingreifen!“ Deutschland hat sich nicht zum Eingreifen entschieden, was meines Erachtens sinnvoll gewesen ist, wenn auch die Begründung und die Art und Weise unglücklich waren. Großbritannien, Frankreich und andere haben dort dann ziemlich planlos interveniert. Die Folgen sehen wir jetzt: Libyen ist zerfallen.

          In Syrien sollte sich das nicht wiederholen.

          Ganz genau. Die U.S.A. wollten das nicht und auch sonst niemand – schon gar nicht Deutschland. Wenn man sich, getragen von der Hoffnung, dass Assad bald gestürzt wird und alles sich schon von alleine regelt, zur Zurückhaltung entscheidet, kann man sich nicht wundern, wenn das Vakuum, das der Westen hinterlassen hat, von Russland genutzt wird, das sich jetzt sozusagen auf die Weltbühne zurückbombt.

          Sie meinen, man hätte Russland dieses Vakuum nicht überlassen sollen? Gab es Alternativen?

          Sönke Neitzel ist Professor für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam.

          Eigentlich nur, wenn man sich von Anfang an massiv im syrischen Bürgerkrieg engagiert hätte. Indem man mit allen diplomatischen, wirtschaftlichen, militärischen und nicht zuletzt geheimdienstlichen Mitteln den Sturz Assads und den Aufbau einer stabilen Regierung betrieben hätte. Ob es eine Erfolgschance je gegeben hat, erscheint fraglich. Im Statebuilding hat der Westen keine gute Figur gemacht, dies ist im Irak aufs Schlimmste gescheitert. Die Haltung des Westens war nach den Erfahrungen in Libyen und im Irak: „Bitte jetzt nicht wieder Gott spielen!“

          Was heißt das für die Situation jetzt?

          Für ein militärisches Eingreifen ist es schon lange zu spät. Es bleibt nur der Versuch, weiter mit diplomatischen Mitteln mittel- und langfristig an einer Lösung mitzuarbeiten.

          In den deutschen Tageszeitungen und im Fernsehen ist in diesen Tagen viel von „Ohnmacht“ die Rede, vom „Versagen der internationalen Gemeinschaft“, vom „Versagen des Westens“. Im „Morning-Briefing“ des „Spiegel“ stand: „Die Weltgemeinschaft ist angesichts der Tragödie in Aleppo zu Mahnwachen verdammt, selbst die U.S.A. können nicht mehr tun, als im Sicherheitsrat emotionale Ansprachen zu halten“. Sind wir wirklich ohnmächtig?

          In Aleppo ja, aber nicht in der ganzen Region. Schließlich ist man ja im Kampf gegen den Islamischen Staat engagiert und hat ihn massiv zurückgedrängt – auch unter Beteiligung Deutschlands. Dabei spielen einerseits militärische Mittel eine Rolle, andererseits ganz entscheidend aber auch die Politik, mit ihrem Bemühen, die Bekämpfung des IS politisch zu flankieren und den Irak zu stabilisieren.

          Welche Funktion hat Ihrer Meinung nach die rhetorische Beschwörung dieser angeblichen Ohnmacht?

          Es ist eine Rhetorik, die sich an einem moralischen Scham ergötzt, ohne deutlich zu machen, was denn nun die Konsequenzen sein sollten. Dasselbe Muster konnte man schon in den Kriegen in Ex-Jugoslawien ab 1995 beobachten. Erst wird dem Morden lange zugesehen, Tausende sterben, wenig passiert. Und dann wird mit einem Schlüsselereignis auf einmal eine Schwelle überschritten und die öffentliche Empörung explodiert geradezu.

          Dabei war es die ganze Zeit nicht zu ertragen, und wir haben die ganze Zeit schon zugeguckt.

          Eben, am Charakter des Krieges hat sich ja gar nichts geändert. Auf einmal findet sich überall in den großen Medien in Deutschland eine Empörungsrhetorik. Dies ist einerseits verständlich, aber warum eigentlich jetzt? Und nochmal, was soll die Konsequenz sein? Der „Spiegel“ etwa wäre der letzte gewesen, der vor drei Jahren gesagt hätte: Wir müssen militärisch eingreifen. Man kann vertreten, dass Deutschland und die NATO sich militärischer Mittel enthalten sollen, selbstverständlich. Wenn man diese Entscheidung aus gutem Grund trifft, kann man jetzt aber nicht sagen: „Wir haben versagt!“

          Man hat den Eindruck, dass diejenigen, die Barack Obama heute Untätigkeit vorwerfen, denselben Obama verdammt hätten, hätte er sich für ein militärisches Engagement entschieden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.