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Leseforscher voreingenommen? : Forschungsvielfalt gegen Vorurteile

Bildschirm oder Buch? Die Wahl des Lesemediums ist nicht nur eine Generationenfrage. Bild: Picture-Alliance

Mehr als hundert Experten aus aller Welt warnen vor einer unbedachten Digitalisierung des Lesens. Ist ihre Stavanger-Erklärung ideologisch gefärbt, wie Kritiker behaupten? Forscher des Netzwerks antworten.

          In der Debatte um die Zukunft des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung hat die von mehr als hundertdreißig Experten unterzeichnete Stavanger-Erklärung breite Anerkennung erfahren – und für Erstaunen gesorgt. Schließlich schienen die unbestreitbaren Vorteile von Lektüreangeboten auf den unterschiedlichen Bildschirmen – ihre Auswahl, Aktualität, Individualität und Multimedialität, von der einfachen Produktion, Vervielfältigung und Verbreitung ganz zu schweigen – doch auf der Hand zu liegen. Schließlich wirkte es doch so, als hätten Bildungseinrichtungen und Bibliotheken den Informationsträger bedrucktes Papier zum Auslaufmodell erklärt. Schließlich war man schon geneigt, das Festhalten gerade von Viellesern am gedruckten Buch für Nostalgie zu halten, für das Ablehnen einer Veränderung, die für die nächste Generation von Lesern ganz selbstverständlich wäre.

          Dann setzten die Leseforscher aus mehr als dreißig Ländern ihre Namen unter die empirische Erkenntnis, dass „das Verständnis langer Informationstexte beim Lesen auf Papier besser ist als beim Bildschirmlesen, insbesondere wenn die Leser unter Zeitdruck stehen“, dass „diese Unterlegenheit des Bildschirms gegenüber dem Papier in den vergangenen Jahren eher noch zu- als abgenommen (hat), und zwar unabhängig vom Alter und von Vorerfahrungen mit digitalen Umgebungen“, und dass Leser bei der Lektüre digitaler Texte „eher zu übersteigertem Vertrauen in ihre Verständnisfähigkeiten als beim Lesen gedruckter Texte“ neigen. Sie empfehlen, „dass Schulen und Schulbibliotheken die Schüler weiterhin zur Lektüre gedruckter Bücher motivieren und in den Lehrplänen entsprechend Zeit dafür vorsehen“, und warnen vor einer möglichen „Verzögerung in der Entwicklung des kindlichen Leseverständnisses und der Entwicklung kritischen Denkens“, sollten Druckwerke, Papier und Stift im Primarbereich rasch und wahllos durch digitale Technologien ersetzt werden.

          Das sind deutliche Worte, die einigen Entwicklungen der jüngeren Zeit entgegenstehen: den Bemühungen um eine Digitalisierung der Bildung, Stichwort Digitalpakt Schule, ebenso wie der häufig gehörten Mahnung zu Eile und Unvoreingenommenheit, was die allgemeine Digitalisierung angeht, würde das Land doch andernfalls den Anschluss verlieren. Kein Wunder, dass sich in das Staunen über die Standpunkte der Stavanger-Erklärung die Skepsis mischte, ob sie nicht etwa aus Vorurteilen dem Digitalen gegenüber entstanden sein könnten, wo sie solche Vorurteile doch auf den ersten Blick so trefflich zu bedienen scheinen. In den sozialen Netzwerken wurde diese Frage laut, in Kommentaren den Forschern unterstellt, vorrangig „Kausalitäten zu suchen, die dem eigenen Weltbild entsprechen“, oder ihrer Analyse angelastet, sie zeuge „von unterschwelliger, dabei ahistorischer und unpolitischer Technikfeindlichkeit“.

          Einfluss auf Form und Wesen unserer Gesellschaft

          Theresa Schilhab arbeitet am Zentrum für Zukunftstechnologien, Kultur und Lernen der Universität in Aarhus, Dänemark. Im E-READ-Netzwerk, dessen Ergebnisse die Stavanger-Erklärung zusammenfasst, leitete sie eine Arbeitsgruppe zur Ergonomie des Lesens. Wissenschaftler sollten jede Art von Kritik begrüßen, sagt sie, auf die Erwiderungen angesprochen, schließlich hülfe sie, die Schlussfolgerungen und die Gültigkeit von Forschungshypothesen zu überprüfen. Die Neurobiologin und Philosophin verweist auf den transdisziplinären Ansatz des Netzwerks, der die stillschweigenden Annahmen einzelner Forscher hinterfrage. Mit Leseforschern, Literaturgeschichtlern, Entwicklungspsychologen, Technikphilosophen, Neuro- oder Gestaltungswissenschaftlern in seinen Reihen decke E-READ ein breites Spektrum an Disziplinen und Ansätzen ab und überbrücke die traditionelle Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. „Es ist äußerst unwahrscheinlich“, fasst Theresa Schilhab zusammen, „dass Technikphilosophen ihre Weltsicht uneingeschränkt mit Neurowissenschaftlern, Entwicklungspsychologen oder Forschern mit dem Schwerpunkt Grafikdesign teilen.“

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