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Leseforscher voreingenommen? : Forschungsvielfalt gegen Vorurteile

Und anders als es die Stavanger-Erklärung vermuten lässt, habe es einen Zusammenprall der verschiedenen Weltsichten in den Diskussionen des Netzwerks durchaus gegeben. „Die höchst unterschiedlichen Forschungsrahmen, Methoden, selbst Begriffe zu verstehen“, ergänzt Adriaan van der Weel, einer der beiden Köpfe von E-READ, „war eine größere Herausforderung, als wir alle erwartet haben. Wir sind dahin gekommen, dass sich unsere Forschung wechselseitig befruchtet hat.“ Neue Techniken des Lesens und Schreibens, betont der Buchhistoriker an der Universität im niederländischen Leiden, seien „nicht nur kleine, vorübergehende Störungen, die in unserer Kulturgeschichte den großen Bogen des Umgangs mit Schrift unterbrechen. Die Text-Technik, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt nutzen, bestimmt unsere Schriftpraxis und damit Form und Wesen der Gesellschaft.“

Natürliche Skepsis ist das Wesen der Wissenschaft

Auch Theresa Schilhab betont das historische Bewusstsein im Ansatz von E-Read: Die Erforschung dessen, wie sich unser Umgang mit Schrift durch technische Entwicklungen verändert, berühre Fragen nach dem aktuellen und geschichtlichen Verständnis von Lesen, nach der Funktion von Schrift in verschiedenen Gesellschaften, danach, welche Fähigkeiten Bürger in jeder Epoche haben müssten, ebenso wie danach, wie sich diese soziokulturellen Anforderungen mit unserer biologischen und neuropsychologischen Veranlagung deckten und inwieweit diese dehnbar sei. „Das Wissen darum, wie sich das Lesen und unser Umgang mit Schrift in den letzten etwa fünftausendvierhundert Jahren verändert haben, war in den Diskussionen des Netzwerks deutlich.“

Theresa Schilhab erinnert an Gutenbergs Drucktechnik, die im Buch des menschlichen Wissenserwerbs ein neues Kapitel aufgeschlagen und die Art verändert habe, wie Wissen im Privaten wie gesellschaftlich geteilt und bewahrt wurde. Die internetbasierten smarten Technologien würden sich in ähnlicher Weise darauf auswirken, wie wir Information und Wissen organisieren und verfügbar machen. „Es ist klar, dass wir die völlig neuen Möglichkeiten und Herausforderungen untersuchen müssen, die diese neu eingeführte Technologie mit sich bringt. Und auch wenn es vernünftig ist, daran zu erinnern, dass neue Technologien immer fremd, vielleicht sogar bedrohlich wirken, ob es nun die Dampfmaschine, das Flugzeug oder das Buch selbst war, sollte das den kritischen Umgang auf der Grundlage dessen, was wir bereits wissen, nicht beeinträchtigen.“

Die Stavanger-Erklärung habe den Bedarf an weiterer Forschung deutlich hervorgehoben. Die Menschheit, wie kann es anders sein, habe die Folgen der technischen Veränderungen unserer Zeit noch kaum erfasst. Deshalb sollte weder die Sichtweise von Technik-Skeptikern noch die von Technik-Optimisten unseren Umgang mit Technologien bestimmen, sagt Theresa Schilhab: „Auch Politikern, die behaupten, Technologie sei die Zukunft, der wir uns nicht widersetzen könnten, sollte mit der natürlichen Skepsis begegnet werden, die das Wesen von Wissenschaft ist.“

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