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Silvesternacht in Köln : Weißer geht’s nicht

Flüchtlinge setzen ein Zeichen gegen sexuelle Belästigung – ob man sagen darf, dass Flüchtlinge an Silvester in Köln beteiligt waren, wird heftig diskutiert. Bild: dpa

Wie soll über Tatverdächtige gesprochen werden – besonders dann, wenn sie nordafrikanisch aussehen? Stigmatisierung lässt sich jedenfalls nicht durch Sprachregelungen abschaffen.

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          „Der Satz ,Der Schnee ist weiß‘“, so sagt eine berühmte Formulierung, „ist wahr, wenn der Schnee weiß ist.“ Die Prüfung dieser Bedingung scheint inzwischen aber fast unmöglich. Jemand sagt: „Der Schnee ist weiß“, und es bricht eine Diskussion über Schnee und Weißheit los, die ungefähr diesen Verlauf hat: „Schnee ist doch sowieso nur eine soziale Konstruktion“ – „Es gibt ganz verschiedene Arten von Weiß, die Eskimos, äh, Inuit haben einhundert Ausdrücke dafür, nur wir haben kein anderes Wort als ,weiß‘“ – „Dass er weiß sei, wurde vom Schnee schon immer behauptet, das hat mit Reinheitsvorstellungen von Europäern zu tun, in Wahrheit ist Schnee immer auch ein bisschen schmutzig“ – „Wer Schnee weiß nennt, will sowieso nur von der Dunkelheit vieler anderer Dinge ablenken“ und so weiter.

          Dieses Spiel ist postmodern, harmlos, akademisch und vergeblich. Weniger harmlos stellt es sich dar, wenn die Sätze weniger harmlos sind. Wenn entscheidende Tatsachenfragen („Stimmt es?“) durch Ideologiekritik („Warum wird das gesagt?“) ersetzt werden. Der Satz „Es waren Flüchtlinge beteiligt“ beispielsweise soll, so finden viele, auch dann nicht ausgesprochen werden, wenn Flüchtlinge beteiligt waren. Er soll jedenfalls in höherem Sinne falsch sein, weil er falsche Schlüsse entweder nahelege oder sogar nahelegen wolle.

          Auf den Satz „Die Tatverdächtigen sahen nordafrikanisch aus“ antworteten manche nach den Kölner Vorgängen sofort mit wutschäumenden kollektiven Zuschreibungen und ekelhaftem Ressentiment. Das wiederum ahnten andere schon im Vorhinein und reagierten auf die eigene Antizipation mit Überlegungen zum Rassismus, der sich von solchen Sätzen ernähre, weswegen man sie besser unterlasse. Im Nachhinein, das Ressentiment hatte sich lautstark gemeldet, erfolgten dann Diagnosen wie die von Urängsten des „älteren(!) weißen Mannes“, Fremde nähmen ihm seine Frauen weg.

          Ältere weiße Männer wie Alice Schwarzer

          Dass die Tatverdächtigen nordafrikanisch aussahen, wird so zum Fall für Vorurteilsforschung. Dass es sich bei denen, die solche und verwandte Vorurteile haben, um ältere weiße Männer wie Alice Schwarzer und Necla Kelek handelt, die Besitzangst um ihre Frauen (im Plural!) umtreibt, steht für manche Kommentatoren hingegen genau so fest wie für Pegida, dass Abendländer auch jemand sein kann, der die Rechtschreibung nicht beherrscht. Könnte es zutreffen, dass der Schnee von heute schon deshalb nicht weiß ist, weil so viel Druckerschwärze ihn bedeckt?

          In der Debatte darüber, wie die Polizei über Tatverdächtige berichten soll und wie es anschließend die Medien tun, geht es nicht um Sätze wie „Es waren nur Flüchtlinge beteiligt“ oder „So etwas ist typisch für Muslime“ oder „Was geschah, liegt daran, dass die Beteiligten Nordafrikaner sind“. Jeder dieser Sätze wäre falsch. Es geht vielmehr um die Frage, ob selbst einfache Beschreibungen schon so mit Wertungen beladen sind, dass man nur noch mitteilen sollte, was keinesfalls stigmatisierend wirken kann. Allerdings trüge der Satz „Jemand war beteiligt“ auch weder zu den Ermittlungen noch zum Verständnis der Sachlage bei.

          Die Gelehrten streiten noch

          An dieser Stelle hilft es nicht weiter, wenn der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) voraussetzt, es sei klar, welche Merkmale von Tatverdächtigen im Zusammenhang mit einer Straftat stehen. Jäger möchte seine Polizisten bei ihren Pressemitteilungen auf den Pressekodex verpflichten. Danach soll die Zugehörigkeit von Verdächtigen oder Tätern „zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten“ nur erwähnt werden, wenn das zum Verständnis des berichteten Vorgangs etwas beitrage. Doch genau darüber streiten ja die Gelehrten.

          Forschung wiederum, die beispielsweise den Einfluss religiöser Sozialisation auf das Geschlechterverhältnis in islamisch geprägten Familien untersucht, hat es nicht mit einzelnen Taten zu tun. Das gilt ebenso für Kriminologen, die diskutieren, was eine überproportionale Verbrechensrate von Gruppen ist und ob die nationale Herkunft, die regionale, die religiöse oder die Schichtherkunft ausschlaggebend sind. Ihre Erwägung, was an einem Handlungmuster beispielsweise auf Merkmale wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Religion, derzeitiger sozialer Status, Alkoholisierungsgrad und Situation zurückgeht, setzt große Vergleichszahlen voraus.

          Weder Polizei noch Medien können darauf warten, bis in diesen Fragen ein Stand der Forschung erreicht ist, bevor sie mitteilen, ob die Tatverdächtigen Touristen oder Asylbewerber, Fußballfans, Oktoberfestbesucher, Jugendliche oder Isländer sind (alles Minderheiten). Es führt also für Leute, deren Sensoren für Stigmatisierung ganz fein eingestellt sind, nichts daran vorbei, den Gebrauch von Sprache überhaupt wortreich und unter Einsatz eigener Vorurteile abzulehnen. Für sie könnte der Hinweis hilfreich sein, dass das Stigma selbst gar nicht auf der Sprache beruht und weder die Dummheit noch die Bosheit davon beeindruckt sind, wenn man ihnen linguistisch kommt. Wer ein Stigma durch die Änderung einer Bezeichnung beseitigen will, erreicht nur, dass sich die stigmatisierenden Bezeichnungen verändern. Dann wird es im ZDF heißen „Die Tatverdächtigen waren neu in Köln“, und alle werden ahnen, wer damit gemeint ist.

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