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Silvesternacht in Köln : Schaut auf diese Stadt!

Befeuerte Symbolik: Der Kölner Dom in der Silversternacht 2015 Bild: dpa

Warum fanden die kriminellen Attacken in der Silvesternacht gerade in Köln statt? Waren sie eine Machtdemonstration, die durch die Medien gehen sollte?

          Warum Köln? Inwiefern hat, was sich in der Silvesternacht abgespielt hat, mit der Stadt zu tun? Das fragen sich nicht nur die Kölner. Warum war ihre Stadt das Zentrum der Bewegung junger Männer mit in der Mehrzahl „nordafrikanischem und arabischem Hintergrund“, die Frauen einkesselten, angrapschten, ausraubten und sexuell misshandelten? Wovon Bundesjustizminister Heiko Maas zehn Tage nach den Ereignissen ausging, lag von Anfang an nahe: „Wenn sich eine solche Horde trifft, um Straftaten zu begehen, scheint das in irgendeiner Form geplant worden zu sein. Niemand kann mir erzählen, dass das nicht abgestimmt oder vorbereitet wurde.“ Erzählt ja auch niemand, nur liegen der Kölner Polizei bisher keine Erkenntnisse dazu vor. Auch elf Tage danach nicht.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Spekulierten die Drahtzieher womöglich auf die Nachlässigkeit der Kölner Polizei, die am 26.Oktober 2014 auf dem Breslauer Platz hinter dem Hauptbahnhof einen rechtsfreien Raum zuließ, als knapp fünftausend Hooligans, Rechtsextremisten und gewalttätige Kriminelle randalierten, die Situation aus dem Ruder lief und fünfzig Beamte verletzt wurden? Könnte sein, ist aber unwahrscheinlich. Doch ganz sicher kannten die Hinterleute den Kölner Dom, der als Wahrzeichen der Stadt zugleich das berühmteste und, mit zwanzigtausend Besuchern pro Tag, beliebteste Gebäude in Deutschland ist. Welche religiöse, historische, kulturelle und politische Bedeutung ihm zukommt, müssen sie nicht wissen, um seine Wichtigkeit und Wirkung zu erfassen: Eine imposantere, bildmächtigere Kulisse als diese gotische Kathedrale gibt es nicht.

          Der Dom als Gewaltkulisse

          Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass ein bis dahin ungesehenes Bild der Hohen Domkirche um die Welt ging: eines, das sie im Dunkeln zeigt. Am 5.Januar 2015 wurde abends die Außenbeleuchtung, die das Bauwerk nachts postkartenattraktiv in Szene setzt, ausgeschaltet, weil die Pegida-Bewegung eine Demonstration angemeldet hatte, die zu einer Kundgebung auf dem Roncalliplatz vor der Südfassade führen sollte. „Die Hohe Domkirche“, so der damalige Dompropst Norbert Feldhoff, „möchte keine Kulisse für diese Demonstration bieten.“ Die Verdunkelung setzte ein starkes, vielbeachtetes Zeichen, das einmalig bleiben sollte.

          Was den Fremdenfeinden vor einem Jahr rechtzeitig entzogen wurde, auch den feindlichen Fremden vorzuenthalten, war unmöglich, überfallartig, wie sie den Bahnhofsvorplatz besetzt und in ihre Gewalt gebracht haben. So schwer sich auf den bisher bekanntgewordenen Filmaufnahmen die Übergriffe feststellen und Personen identifizieren lassen, so unverkennbar erhebt sich dahinter die majestätische Nordfassade des Doms. Die Folie sichert und steigert die Aufmerksamkeit: Die Bildfixierung der Medien wird bedient, Aufschlüsse über die Täter aber bleiben im Ungefähren. Der Dom wird als eine Kulisse benutzt, die noch andere Botschaften reflektiert: dass es sich um einen Anschlag auf die Kultur der europäischen Stadt als eines Ortes der Begegnung und individuellen Freiheit handelt und dass sich der Angriff gegen die (katholische) Kirche und mithin gegen jene Institution richtet, die in Köln bei der Aufnahme von Flüchtlingen mit Hunderten von Ehrenamtlern in der ersten Reihe steht.

          Heimliche Mitstreiter des IS

          Provokant bestätigt, ja, höhnisch unterstrichen wird das durch die Feuerwerksraketen, die, so berichten Augenzeugen, direkt vor der Westfassade wie auch vom Bahnhofsvorplatz aus auf die Kathedrale abgeschossen wurden. Böller seien unter dem Gejohle der Menge gegen die Mauern und Fenster des Doms geprallt und der Lärm so groß gewesen, dass er, so ein Besucher des Jahresschluss-Gottesdiensts um 18:30 Uhr, der (mikrofonverstärkten) Predigt gar nicht habe folgen können.

          Massive Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz, welches „das Abbrennen pyrotechnischer Gegenstände in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altenheimen“ verbietet, hat es, so sagte die ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner dieser Zeitung, „vor zwölf, dreizehn Jahren“ schon einmal gegeben. „Doch dann haben wir uns mit der Polizei verständigt, und die hat dafür gesorgt, dass es nicht mehr vorkommt.“ Was aber an Silvester geschehen sei, habe sie so noch nie erlebt: „Der Krach während der Messe war so laut, dass ich zum ersten Mal Angst hatte, dass es unter den Besuchern, es war rappelvoll, zu einer Panik kommen könnte. Die Polizei kann schon um 19 Uhr nicht mehr funktionsfähig gewesen sein.“ Auch wenn es sich (noch?) nicht nachweisen lässt, dass in Köln eine Inszenierung für die Medien abgelaufen ist, an der Wirkung ändert das nichts. Bildpolitik ist ein Geschäft, in dem der IS eine erschreckend professionelle Kompetenz zeigt. In Köln hat er nicht seine Meister, aber klammheimliche Mitstreiter gefunden.

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