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Gabriels Antrittsvorlesung : Ihr denkt alle zu moralisch

In Bonn: Sigmar Gabriel (l.) als Lehrer der Deutschen. Bild: dpa

Sigmar Gabriel hat an der Universität Bonn die Antrittsvorlesung für seine Gastprofessur am Seminar für politische Wissenschaft gehalten. Er wünscht sich ein starkes Europa. Wie das zu bewerkstelligen sei, sagt er nicht.

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          Sigmar Gabriel nimmt, wie schon vor seinem Ausscheiden aus dem Amt des Außenministers vereinbart, im Sommersemester eine Gastprofessur am Seminar für politische Wissenschaft der Universität Bonn wahr. Am Montag hielt er im holzgetäfelten Hörsaal I des Hauptgebäudes seine Antrittsvorlesung. Der Rektor nannte es eine besondere Ehre, dass Gabriel der Einladung im Jahr des Universitätsjubiläums gefolgt ist. Die vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. unterzeichnete Gründungsurkunde datiert vom 18. Oktober 1818. Vor hundert Jahren fiel die Geburtstagsfeier aus; zwei Wochen vor dem Termin hatte die Note der deutschen Regierung an den amerikanischen Präsidenten Wilson die Auflösung des Kaiserreichs eingeleitet. Gabriels Vortrag über „Europa in einer (un)bequemeren Welt“ kam intellektuell einer nachgeholten Festrede gleich, auch im pathetischen Ton des Dauerappells. Zuhörer von 1918 hätten der Vorlesung mühelos folgen können; sie bewegte sich im Bannkreis der fixen Ideen, die nicht das Deutsche Reich allein, sondern alle europäischen Großmächte in den Weltkrieg geführt hatten. Die Eskalation des Syrien-Konflikts am Wochenende illustrierte Gabriel mit dem Tagebuch Kurt Riezlers, des Sekretärs des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg, aus dem Juli 1914: „Zu viele Faktoren auf einmal.“

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Indem Gabriel über Europas Rolle in der Welt räsoniert, nimmt er selbst eine Rolle an: die des kommentierenden Weltstaatsmanns im Dauerwartestand. Dazu gehört es, auch zu jüngsten und räumlich weit entfernten Ereignissen etwas zu sagen zu haben. Etwa zum 19. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas. Man habe gesehen, führte Gabriel aus, dass in den Augen der chinesischen Führung der innere Ausbau des Staates einstweilen abgeschlossen sei und nun eine Periode der aktiven Außenpolitik folgen könne. Die Denkfigur, dass innere Kräftigung und Demonstration äußerer Stärke als Phasen aufeinander folgen, ist aus der älteren Staatengeschichte vertraut. Klaus Hildebrand, prägende Gestalt des Bonner Historischen Seminars in den Jahren des Übergangs von der Bonner zur Berliner Republik, erklärte die britische Zurückhaltung gegenüber Bismarcks Einigungspolitik damit, dass Großbritannien mit inneren Reformen beschäftigt gewesen sei. Bismarcks Nachfolger in der Reichsgeschäftsführung begründeten mit der imposanten Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialordnung einen Anspruch auf Weltgeltung, der sie zum Abschied von Bismarcks Maximen der Selbstbeschränkung verleitete.

          Gabriel nannte die „Neue Seidenstraße“ die einzige große strategische Idee der heutigen Welt. Man fühlte sich versetzt in die Atmosphäre phantastischer Spekulationen, die zum Bau der Bagdadbahn führen. Macht, der Leitbegriff der Vorlesung, erschien als eine Art Naturgröße, ein nicht weiter analysebedürftiges wirtschaftlich-politisches Gemisch und mehr oder weniger identisch mit Ansehen und Prestige. Einen Narren gefressen hat Gabriel an einem Gedanken, den ein Parteipolitiker kaum als überraschend präsentieren kann: Schwache, die Hilfe suchen, werden sich an Starke halten. Europa muss stark aussehen wollen, damit die Kurden der Welt sich nicht an Putin wenden. Schutzmacht sucht Klienten: Unter diesem Helfersyndrom litt schon Wilhelm II.

          Die von Gabriel skizzierten Lageanalysen fielen durchaus triftig aus. Doch was soll man davon halten, dass er das Fehlen einer alternativen Idee zum Seidenstraßenprojekt beklagte, aber jede Andeutung schuldig blieb, wie die Alternative aussehen könnte? Den Eindruck des Anachronistischen des Vorlesungskonzepts erzeugte eine doppelte Fehlanzeige. Erstens kam die Wirtschaft nur als Anlass für Kraftproben der Staaten vor, nicht als Lebensmacht, welche die Freiheit der Politik einschränkt. In Gabriels Weltpolitik sind die Weltkonzerne keine Akteure. Und zweitens forderte er die Europäische Union auf, doch endlich mit einer Stimme ihre Interessen zu definieren, aber er hielt es nicht für nötig, etwas zu einer Reform der Entscheidungsstrukturen zu sagen. Die Unterschätzung konstitutioneller Mechanismen ist ein schlechtes Erbstück der deutschen historischen Tradition.

          Man darf es sich mit Erdogan nicht verderben: Das ist keine Strategie, das ist nur ein Gemeinplatz jener „Realpolitik“, zu der die Deutschen sich laut Gabriel immer noch bekehren müssen. Die mangelnde Substanz kompensierte Polemik gegen die deutsche Öffentlichkeit. Angeblich fehlt es deshalb an strategischen Ideen, weil die Deutschen die Welt lieber moralisch vermessen. Aber wer will schon, dass völkerrechtliche Prinzipienreiterei den russischen Präsidenten in einen Weltkrieg treibt? Dennoch ist es unappetitlich, wenn in der einstündigen Rede eines deutschen Staatsmanns alle Witze auf Kosten der Kritiker von Waffenexporten und anderer Verteidiger rechtlicher Prinzipien gehen.

          Mit dem Tod Helmut Schmidts ist auf dem Olymp der Ex-Politiker ein Platz frei geworden. Schmidt verband den Kissinger-Kult, den Aberglauben des Stamms der Berufsaußenpolitiker, es werde in der Welt noch nicht zynisch genug über die Macht gedacht, mit Hochmut gegenüber seinem Nachfolger im Kanzleramt, der die Lust an der Macht zu deutlich gezeigt habe. Kissinger wurde auch von Gabriel heroisiert, aber den Part Helmut Kohls spielt in diesem Kasperletheater die Kanzlerin, unter der Sigmar Gabriel Außenminister sein durfte.

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