https://www.faz.net/-gqz-9mqmv

Siegesparade in Moskau : Das Schwert gibt ihm Halt

  • -Aktualisiert am

Alte Erfolge werden neu gefeiert: Russische Soldaten marschieren über den Roten Platz während einer Probe für die Militärparade zum Tag des Sieges. Bild: dpa

Viele Russen leben in Armut, doch immer mehr Geld fließt ins Militär. Die Siegesparade in Moskau zeigt auch, wie sich Putins Handlungsoptionen reduziert haben.

          Den neunten Tag des Wonnemonats begeht Russland wieder einmal mit einer Militärparade auf dem Roten Platz, die den sowjetrussischen Sieg im Zweiten Weltkrieg feiert und darüber hinaus die Kampfbereitschaft des Landes zur Schau stellt. Wie jedes Jahr wurden zuvor an etlichen lauen Maiabenden ganze Straßenzüge im Moskauer Zentrum abgesperrt, damit die blankgeputzten Panzer, Raketenwerfer, Luftabwehr- und Interkontinentalraketen ihren Schaulauf proben konnten. Sonderpolizisten in Flecktarn lassen in diesen Tagen aus einigen Metrostationen die Passagiere nicht auf die Straße. Fußgängertunnel, über die das schwere Gerät hinwegrollt, wurden durch zusätzliche Stahlstützen gesichert.

          Russland trägt schwer an seinem Militarismus. Während die Realeinkommen der Bürger das fünfte Jahr in Folge sinken, investiert der Staat verstärkt in die Streitkräfte und Sicherheitsstrukturen, zumal die Nuklearwaffen werden modernisiert. Ein liberal denkender Moskauer Künstler, der nicht genannt werden will, scherzt bitter, Präsident Putin müsse, da seine Zustimmung in der Bevölkerung sinke, sich schon bald ein neues Angriffsziel suchen. Ein Journalist, der ebenfalls namenlos bleiben möchte, glaubt, Putin habe sich in eine Lage manövriert, in der ihm außer Aggression kaum Handlungsoptionen blieben. Ein Musikwissenschaftler, der desgleichen auf Anonymität Wert legt, meint, der Kreml-Chef habe einfach die Lektionen aus der jüngeren Geschichte gelernt.

          Wehrhaftigkeit für das Einheitsgefühl

          Diese bestünden darin, so der Gelehrte, dass Regimes, die die Welt nicht mit Atomraketen bedrohen, leicht gestürzt werden – so geschehen im Irak und Libyen; dass Russland, da es seinen Nachbarn wenig wirtschaftliche oder technologische Entwicklungsimpulse anzubieten habe, das Abschmelzen seiner Einflusszone nur mit militärischer Gewalt oder deren Androhung stoppen könne; und dass ein Herrscher, der sein Volk darben lasse, aber Atombomben habe, von Trumps Amerika, also der Schutzmacht der Nato, hofiert werde. Tatsächlich wurde das Recht des Stärkeren von niemandem abgeschafft. So erscheint es symptomatisch, dass die Bronzestatue von Russlands Christianisierer Wladimir dem Heiligen, der auch Putins Namenspatron ist, und die der Präsident nach der Annexion der Krim am Kreml aufstellen ließ, sich an einem mächtigen Schwert festhält.

          Zum Credo von Putin, der als frommer Orthodoxer gilt, gehört die Wehrhaftigkeit. Und der vor 74 Jahren unter schweren Opfern errungene Sieg über Hitlerdeutschland scheint die wichtigste Klammer zu sein, welche die Gesellschaft eint. Militärisch hat das Land Muskeln, und die Soldaten, die in perfekter Formation wie ein einziger Körper marschieren und grüßen, wirken dabei tatsächlich stolz und glücklich. Deswegen folgt auf die Militärparade wieder einmal die Aktion „Unsterbliches Regiment“, bei der Bürger mit Porträts von Verwandten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten, wie bei einer religiösen Prozession durchs Stadtzentrum ziehen. Der Glaube, sich in absehbarer Zukunft Demokratie leisten zu können, scheint den meisten Russen hingegen abhanden gekommen zu sein.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Welterbe – von Bulldozern zertrümmert

          Usbekistans Denkmäler : Welterbe – von Bulldozern zertrümmert

          Das sich modernisierende Usbekistan zerstört seine Denkmäler und ersetzt sie durch Imitate. Man hofft auf Touristen, und die sollen nur vorzeigbare Gebäude sehen. Jetzt regt sich Widerstand. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.