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Humboldt-Forum : Die Krux mit dem Kolonialismus

Die Idee eines auf höchster staatlicher Ebene installierten „Dialogs der Kulturen“ würde, nähme man ihn beim Wort und nicht als die billigste aller Münzen, die er in den internationalen Beziehungen meistens ist, etwas ganz anderes erfordern: nämlich auch die eigene – europäische, deutsche – Position dem Dialog auszusetzen, statt sie als abgehobenen Ort der Beobachtung der anderen unangetastet zu lassen. Ganz aus der Welt ist eine solche Vorstellung nicht. Hermann Parzinger hat bei Gelegenheit schon öfter darauf hingewiesen, dass sich die europäischen Sammlungen ja gleich in der Nachbarschaft auf der Museumsinsel befinden und für Wechselausstellungen zur Verfügung stehen werden. Er hat in Aussicht gestellt, dass es beim Humboldt-Forum auch um das gegenwärtige Verhältnis Deutschlands zur Welt gehen könne, und angeregt, dass zum Beispiel mal ein Künstler aus Hawaii eine Ausstellung über Deutschland kuratiere.

Auch der Ort, von dem aus die Welt betrachtet wird, muss Thema sein

Doch eine solch punktuelle Umkehrung der Blickrichtung würde nicht genügen, um den kosmopolitischen Anspruch einzulösen. Es bedürfte eines Gesamtkonzepts, das die Frage nach der Perspektive, nach dem Ort, von dem her die Welt betrachtet werden soll, in seinen Mittelpunkt stellt. Sonst könnten die Besucher in Berlin zwar in möglicherweise klug komponierten Ausstellungen beobachten, wie alles in der Welt sich immer neu dekonstruiert und wieder neu zusammensetzt – und würden zugleich doch den Eindruck gewinnen, dass ausgerechnet die Region, aus deren Blickwinkel das Schauspiel aufgeführt wird, von derartigen Umbrüchen ganz verschont geblieben ist. Eine solche Fiktion würde das ganze Unternehmen, so lehrreich und genau seine übrigen Analysen auch sein mögen, in ein ideologisches Zwielicht rücken.

Es gibt in Berlin eine Institution, die vom trügerischen Objektivitäts-Gestus bei der Betrachtung anderer schon seit langem Abschied genommen hat: das Haus der Kulturen der Welt (HKW). Statt eine fremde Kultur nach der nächsten abzuhandeln, beschäftigt es sich mit strukturellen, die Welt als Ganze betreffenden Fragen, bei denen die eigene Kultur genauso auf dem Prüfstand steht wie die der anderen, gleich, ob es um Natur, Geschichte oder „Überlebenskunst“ geht. So verwundert es nicht, dass der Intendant des Hauses, Bernd Scherer, in einem Text für den „Tagesspiegel“ kürzlich vorschlug, beim Humboldt-Forum die Objekte auf ähnliche Weise zu „dynamisieren“, indem man hergebrachte geographische und kulturelle Zuschreibungen hinter sich lasse. Als Beispiel stellte er sich eine Ausstellung zu den gegenwärtigen Kriegen im Nahen Osten vor, bei der Drohnen und Rohstoffe genauso eine Rolle spielen würden wie die Bildpolitik des „Islamischen Staats“ und überhaupt der Kampf um kulturelle Symbole, der die Konflikte antreibt.

Ratloser Blick in die Außenwelt

Scherers Text war diplomatisch zurückhaltend, so dass einem sein polemischer Fluchtpunkt leicht entgehen konnte. Im Gespräch sagt er, dass seine Idee letztlich, da es beim Humboldt-Forum anders als beim HKW um Bilder gehe, auf eine planmäßige gegenseitige Infragestellung des Bildkanons der verschiedenen Kulturen hinauslaufe, auch des eigenen. Intellektuelle aus der ganzen Welt könnten in den wechselnden Ausstellungen anhand der europäischen und außereuropäischen Sammlungen des Preußischen Kulturbesitzes wieder die Grundfragen stellen, ohne auf die üblichen Ein- und Zuordnungen Rücksicht nehmen zu müssen: Was ist Kunst, Fortschritt, Geschichte? Allerdings müsste man dabei mit dem Widerstand von Kunsthistorikern rechnen, die sich als Hüter des Kanons verstehen.

Die Auswirkung auf das deutsche Selbstbild spricht Scherer nicht an. Die Bundesrepublik steht gerade jetzt, da ihr eine ungewohnte Machtstellung innerhalb der EU zugefallen ist, etwas ratlos vor der Aufgabe, ihr Verhältnis zur Außenwelt neu zu bestimmen, überhaupt erst zu finden. Da könnte eine institutionalisierte Betrachtung von außen nicht schaden.

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