https://www.faz.net/-gqz-7koii

Shareconomy : Der Terror des Teilens

Das Versprechen, seine Freizeit verkaufen zu können

Die Auswirkungen auf den großstädtischen Straßenverkehr sind dabei genauso wenig abzusehen wie die ökonomischen Effekte; nur mit einer gerechteren Welt werden sie nicht viel zu tun haben. Der Erfolg von Firmen wie Airbnb oder Uber beruht nicht auf der Nächstenliebe der Menschen oder, wie es die Rhetorik der Firmen vorgibt, auf ihrem Interesse daran, „neue Leute kennenzulernen“. Er resultiert daraus, dass die Informationstechnik von heute Lebensbereiche erschließt, die bisher für eine Kommerzialisierung uninteressant waren. Das ist keine Rückkehr der Commons, es ist ihr Ende.

Der Netzeuphoriekritiker Evgeny Morozov kennt dafür einen besseren Namen als Kommunismus: „Neoliberalismus auf Steroiden“ nannte er die Sharing Economy. Die Idee des kollaborativen Konsums bleibt nicht nur innerhalb der kapitalistischen Logik, sie verschlingt auch die letzten Brachen sinnfreien Vorsichhinlebens. Nach Home Office und Erreichbarkeitsterror verspricht sie jedem, seine Freizeit verkaufen zu können. Das ist der wahre Angriff einer Gesellschaftsordnung des Netzwerks auf die Privatsphäre: Er besteht nicht im Abhören intimer Geheimnisse, sondern darin, den Menschen gar keine Zeit mehr zu lassen, welche zu haben.

Dass es ums Teilen geht, ist die große Lüge der Sharing Economy. Es geht um Tausch. Und wer immer noch glaubt, dass es Gaben gibt, die nicht erwidert werden wollen, der sollte sich bei einem der zahlreichen Buchbasare im Netz vielleicht noch mal Marcel Mauss’ berühmte Studie besorgen. Selbst hinter sogenannten Tauschbörsen verbergen sich heimliche Währungen, sonst funktionieren sie nicht. Niemand tauscht Silberbesteck gegen ein paar alte Wollsocken, da kann es ihn noch so an den Zehen frieren. Und wer sich von den netten Menschen helfen lassen will, die sich in sogenannten Nachbarschaftsnetzen anbieten, findet vor allem Mikrounternehmer, die für ein paar Euro Aufgaben erledigen, die einmal Freundschaftsdienste hießen: Ikearegale zusammenbauen, Fahrräder reparieren, Bilder aufhängen.

Das Schweizer Telekommunikationsunternehmen Swisscom arbeitet seit kurzem mit dem „Shareconomy-Start-up“ Mila zusammen. Dessen Experten, die den Titel „Swisscom Friends“ tragen dürfen, sollen Kunden helfen, „kleine Alltagsprobleme“ zu lösen, ohne den professionellen Service des Konzerns bemühen zu müssen, zum Beispiel die Bedienung des Smartphones erklären. Bezahlt werden die freundlichen Helfer vom Kunden, die Preise liegen bei 50 bis 100 Euro pro Job. Die Gastgeber von Airbnb dagegen werden derweil zu einem Seminar eingeladen, auf dem ihnen Hotelmanager beibringen, wie man Gäste richtig begrüßt und Betten macht. Wer sich bewährt, darf dann den Titel „Super Host“ tragen.

Wenn das System perfektioniert wird, lässt sich womöglich bald auch mit jenen heute noch selbstverständlichen Gefälligkeiten Geld verdienen, die David Graeber als „elementaren Kommunismus“ bezeichnet hat, den „Rohstoff des Zusammenlebens“, der auch kapitalistische Gesellschaften zusammenhält: Feuer geben, den Weg weisen, die Uhrzeit sagen. Die Sharing Economy ist nichts anderes als die totale Dienstleistungsgesellschaft. Konsumgüter werden zu den Investitionsgütern zur Disposition stehender Ein-Mann-Firmen, und das günstige Uber-Auto wird bald wieder so viel kosten wie heute, nur mit eingebautem Minijob.

Das war schon immer der Trick des Kapitalismus: Uns zu verkaufen, was es vorher umsonst gab. Jetzt hat er die neueste Marktlücke entdeckt: den Kommunismus.

Weitere Themen

Strafe, Sturm, Straßen

F.A.Z.Hauptwache : Strafe, Sturm, Straßen

Eine Hauseigentümerin in Frankfurt muss für eine unerlaubte Vermietung über Airbnb büßen. Das Land prüft, wie es Sturmopfern helfen kann. Und das Wiesbadener Kreuz wird gesperrt. Die F.A.Z.-Hauptwache, unser regionaler Newsletter.

Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

Topmeldungen

TV-Talk mit Sandra Maischberger (r.). Zu Gast waren unter anderem Jan Fleischhauer (l.), Anja Reschke und Florian Schroeder.

TV-Kritik: „Maischberger“ : Gedächtnisschwäche und Meinungsbildung

Grönland-Debatte, Fleischkonsum oder Greta Thunberg: Schaffen die Medien unsere Wirklichkeit, oder bilden sie diese nur ab? Das war das eigentliche Thema dieses Abends, der an fast vergessene Ereignisse der letzten Wochen erinnerte.
Der Steuerchef der OECD: Pascal Saint-Amans

F.A.Z. exklusiv : OECD-Steuerchef lobt Trump

Der höchste Steuerfachmann der OECD lobt die Trump-Regierung: Wegen Trump seien die Chancen auf eine internationale Einigung auf ein Steuersystem gestiegen. Für deutsche Sorgen hat er Verständnis.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.