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Shareconomy : Der Terror des Teilens

Die deutsche Website kokonsum.org empfiehlt zu Weihnachten Tauschdienste, die helfen sollen, „dem Konsum-Terror zu trotzen und den ursprünglichen Gedanken von Weihnachten zu leben“. Und die Lobbyorganisation Peers schreibt auf ihrer Website: „Die Sharing Economy hilft uns, unsere Rechnungen zu zahlen, flexible Arbeitszeiten einzurichten, neue Menschen kennenzulernen und mehr Zeit mit unseren Familien zu verbringen“.

Die Utopie der Sharing Economy klingt so messianisch, wie man das auch aus dem Alten Testament der Internetheilsgeschichte kennt, als die Idee der Commons, der öffentlich zugänglichen Gemeingüter, gegen den Kapitalismus der immateriellen Dinge in Stellung gebracht wurde. Und wenn jetzt unseren Autos, Wohnungen und Möbeln derselbe Sturm bevorsteht, der zuvor die Ordnung von Wissen, Bildern, Meinungen auf den Kopf stellte, dann sollte man sich, erstens, nicht auf die Stabilität ihrer Materie verlassen: Man muss die Dinge nicht in Bits verwandeln können, um die Regeln zu ändern, nach denen sie gehandelt werden; der Beweis heißt Amazon.

Es wird jenen geholfen, die eh schon etwas haben

Und zweitens muss man schon ein unverbesserlicher Anhänger der Wachstumsideologie sein, um keine Sympathien für ein Ende der Wegwerfwelt zu haben, für eine Vision, die endlich einen Hebel dafür gefunden zu haben scheint, wie man den Egoismus der Einzelnen zum Wohle aller umsetzt. Commons, das klingt, wenn man nicht so genau hinhört, wie eine Utopie, die einmal unter dem Namen Kommunismus bekannt war: Besitz ist irrelevant, alle helfen allen, womit am Ende auch das Glück des Einzelnen gewinnt. Es läuft aber womöglich genau auf das Gegenteil hinaus.

Dass auch in einer Ökonomie des Teilens erst einmal jenen geholfen wird, die haben, das kann man am Beispiel von Airbnb ganz gut erkennen. In New York hat das Unternehmen gerade Probleme mit dem Staatsanwalt, der von den Hobbyhoteliers gerne auch, ganz altmodisch, eine Übernachtungssteuer eintreiben würde, vor allem von den Topverdienern: Allein die 40 erfolgreichsten Vermieter haben nach Angaben des Unternehmens in den vergangenen drei Jahren jeweils 400.000 Dollar eingenommen.

Und selbst die 90 Prozent der Gastgeber, von denen Airbnb behauptet, dass sie nur das Apartment vermieten, in dem sie selbst wohnen, tun das natürlich in erster Linie, um Geld zu verdienen. Das zeigen letztlich auch die rührenden Geschichten von krisengebeutelten Rentnern und alleinerziehenden Müttern, die dank Airbnb ihre Wohnung behalten konnten. Für viele der 350.000 Gastgeber auf der ganzen Welt mag das die Rettung sein, mit einer Umwälzung der Eigentumsverhältnisse hat es nicht viel zu tun.

Grills, Leitern, Bohrmaschien

Noch einmal anders sieht die Sache aus, wenn man sich die Verhältnisse an der amerikanischen Westküste anschaut, wo seit drei Jahren eine Firma namens Uber für Furore sorgt. Uber begann als Limousinenservice ohne eigene Limousinen: Das Unternehmen stellte nur die App zur Verfügung, die die Bestellung eines Wagens erheblich komfortabler macht als bei den klassischen Fahrdiensten, die Fahrer arbeiten selbständig und tragen das komplette unternehmerische Risiko.

Mittlerweile macht Uber mit kleineren Wagen den Taxis Konkurrenz, aber auch das ist, wenn man den Experten und Investoren glaubt (vor ein paar Monaten steckte Google 258 Millionen Dollar in die Firma), nur ein Schritt auf dem Weg zum nächsten Großkonzern. Uber will nicht das Taxibusiness umkrempeln. Sein Geschäft ist es, Sachen von A nach B zu bringen, schnell, unkompliziert und möglichst günstig. Wenn Dinge ihren Wert verlieren, ist Logistik alles.

Bald, so jedenfalls spekuliert man im Silicon Valley, könnte Uber seine Flotte auch für Lebensmittellieferungen einsetzen; oder eben als Bringdienst für all jene Dinge, die man bisher auch deshalb kaufte, damit man sie im Zweifelsfall sofort zur Hand hat: Grills, Leitern, Bohrmaschinen. Demnächst will die Firma günstige Kredite oder Leasingraten für Neuwagen anbieten, natürlich nur unter der Bedingung, dass die Fahrer danach für Uber arbeiten. Wenn Ubers Vision Wirklichkeit wird, handelt man nicht nur mit Mobilität, sondern mit der Fähigkeit, zu mobilisieren.

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