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KI im Kunsteinsatz : Großreinemachen

Leonardos „Heiliger Hieronymus in der Wildnis” blieb um 1480 unvollendet. Bild: Picture-Alliance

Mit Hilfe künstlicher Intelligenz wird Shakespeare sortiert und Beethoven vollendet. Werke von Leonardo und Cézanne, Kafka und Musil, Mahler und Musil warten schon. Wohin soll das führen?

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          Das wäre geklärt: Wie die „MIT Technology Review“ berichtet, hat Petr Plecháč von der tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag herausgefunden, welchen Anteil am Königsdrama „Heinrich VIII.“ Shakespeare tatsächlich hatte – und welchen der Zeitgenosse John Fletcher. Die Erkenntnis, dass der Dramatiker, wie Shakespeare Autor für die King’s Men, am Werk beteiligt gewesen sein muss, stammt vom Schriftsteller James Spedding aus dem Jahr 1850. Jetzt hat Plecháč eine Künstliche Intelligenz mit den Werken Shakespeares und Fletchers trainiert, die zur gleichen Zeit entstanden sind, und sie dann „Heinrich VIII.“ durchsortieren lassen. Das Ergebnis: Spedding hatte recht. Mehr noch: Der Stil, also wohl die Autorschaft, wechselt nicht etwa nur von Szene zu Szene, sondern mischt sich mitunter sogar.

          Das muss doch zu schaffen sein: Wie jetzt bekannt wurde, arbeitet eine internationale Gruppe von Musik- und KI-Experten an der künstlichen Vollendung von Beethovens unvollendeter 10. Symphonie. Die Telekom hat sie zusammengeführt. Am 28. April im kommenden Feierjahr zum 250. Geburtstag des Komponisten soll das Ergebnis aufgeführt werden und, so die Hoffnung der Gruppe, das Publikum rätseln lassen, was von Beethoven selbst stammt und was vom Computer. Das Verfahren hier: Das KI-System, auf Spracherkennung basierend, wird mit Musik von Beethoven und Zeitgenossen bekannt gemacht. Die hier erkannten Muster wendet es dann zur Ergänzung der Fragmente des unvollendeten Werks an – zunächst in unbeholfen wirkenden „Improvisationen“ mit vielen Wiederholungen, bald aber schon in eleganteren Fortschreibungen, in denen Experten sogar Anklänge an Bach erkennen, wie er auch bei Beethoven selbst zu finden ist.

          Nachdem sich die Menschen jahrzehntelang an der Frage ergötzt haben, ob nicht auch die Werke malbegeisterter Affen oder Elefanten als Kunst anerkannt werden müssten, hat sich die Diskussion in jüngerer Zeit auf Computererzeugnisse ausgeweitet. Ein von Künstlicher Intelligenz errechnetes Gemälde wird bei Christie’s für Hunderttausende versteigert, Systeme verblüffen mit Unerhörtem im Stil der Beatles, die maschinelle Fortschreibung der „Game of Thrones“-Grundlagen beschäftigt nicht nur die Fans von Fernsehserie und Romanvorlagen.

          Vor zweieinhalb Jahren noch hatte der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow auf die Frage, ob von Maschinen Kunst zu erwarten sei, mit einiger Gelassenheit geantwortet: „Maschinen träumen nicht. Dadurch erschaffen wir große Kunst. Es wird buchstäblich unmöglich für Maschinen sein, das nachzumachen.“ Man muss wohl als Zwischenschritt begreifen, dass jetzt KI-Systeme auf berühmte Fragmente, Leerstellen und Rätsel der Kunstgeschichte losgelassen werden. Schlichter Pragmatismus steht für diesen Einsatz, die Öffentlichkeitswirksamkeit solcher Lösungen, der Leistungsnachweis mitunter beargwöhnter Technik in einem Bereich mit hohen Sympathiewerten. Doch wartet die Welt wirklich darauf, dass ein Kunstwerk vollendet oder ein künstlerisches Geheimnis gelüftet wird? Wie dringend bedarf Schuberts h-Moll-Symphonie eines abgeschlossenen dritten Satzes? Was gewönnen wir, wenn Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder Kafkas „Process“ nicht länger in der Offenheit des Fragments zu lesen wären? Wer hat gut davon, wenn die Gemälde zu Ende gebracht würden, die Leonardo, Caravaggio oder Cézanne unvollendet gelassen haben?

          Wenn es schon zur Kreativität eigenen Rechts nicht reicht bei Künstlicher Intelligenz: Zum Großaufräumen in der Kunstgeschichte reichte es allemal. Die Frage, was künstlerische Schöpfung ist und was das Ergebnis reiner Rechenleistung, würde hierüber weiter verblassen. Doch ihre Irrelevanz liegt schon im berühmten Turing-Test aus dem Jahr 1950 begründet, in dem der britische Mathematiker die Entscheidung, ob eine Maschine ein Menschen gleichwertiges Denkvermögen habe, von außen, also durch Zuschreibung getroffen wird. Es ist an uns Menschen zu entscheiden, welche Klänge, Bilder und Texte wir als Kunstwerke behandeln wollen. Und zu entscheiden, was daraus für diese Werke und ihren Wert folgt. Shakespeares „Heinrich VIII.“ wurde jahrelang unter dem Titel „All is True“ aufgeführt: Alles ist wahr.

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