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„Sexuelle Intelligenz“ : Die Erotik der Faulheit

  • -Aktualisiert am

Sex oder kein Sex, das ist hier die Frage – ein Bett ist eben auch sehr gemütlich. Bild: Picture Alliance

Manche sorgen sich um die sexuelle Unlust der westlichen Gesellschaft. Könnte nicht auch eine „neue sexuelle Intelligenz“ einen Lustgewinn durch Enthaltsamkeit entdecken? Ein Gastbeitrag.

          12 Min.

          Die Pandemie war für viele geprägt von Arbeitslosigkeit; es war eine menschengemachte, nicht etwa naturgegebene Choreographie der Krankheit und des Sterbens, von einem Ausmaß, wie es die meisten bisher noch nicht erlebt hatten. In Kombination mit den Lockdowns, den Reisebeschränkungen und der Isolation war es eine zutiefst unangenehme und strukturell unglückliche Zeit. Wie so oft in Krisen haben auch dieses Mal viele Menschen inmitten des Chaos Räume für Veränderung und Selbstreflexion geschaffen. Darunter besonders Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle, Asexuelle und andere, die wegen ihrer sexuellen Identität diskriminiert werden. Wir haben uns gefragt: „Was macht unser Leben lebenswert?“ Bestimmt nicht die Arbeit, war unsere kollektive Antwort – und sicher nicht Arbeit im Kapitalismus. Parallel zu dem, zumindest in Amerika, verbreiteten Trend zur freiwilligen Kündigung, dem sogenannten Big Quit, entwickelte sich vor der Kulisse von Schmerz und Trauer eine neue Wertschätzung für Faulheit, Vergnügen und Komfort. Diese neue Lockerheit, Entspannung und Achtsamkeit prägt aktuell auch die Sexualkultur und die Mode.

          Fangen wir mit dem Sex an. Ich gebe es zu! Im Frühjahr 2020 gehörte ich zu denen, die an einem – rückblickend bizarren – Diskurs über den Einfluss von Covid-19 auf die menschliche Sexualität teilhatten. Eine Expertenmeinung lautete schon früh: Dort, wo Paare plötzlich mehr Zeit in den eigenen vier Wänden miteinander verbringen würden, würde es einen regelrechten Babyboom geben. Das erwies sich allerdings schnell als Wunschdenken, die Geburtenraten blieben beispielsweise in Deutschland stabil. Vertreter der kritischen Rassentheorie wiesen, zumindest in den Vereinigten Staaten darauf hin, dass sich vor allem Ökonomen eine solche Sex-Eruption wünschten, weil sie sich, so wurde unterstellt, mehr Babys für den Nationalstaat erhoffen und darauf spekulieren, dass die sinkenden „weißen“ Geburtenraten korrigiert werden. Insofern dürfte der Wunsch nur Babys mit einem bestimmten Herkunfts- und Klassenprofil gegolten haben. Es wäre sogar gut möglich, dass die Experten weiße, heterosexuelle Fachkräfte im Sinn hatten, als sie eine Schwangerschaftswelle für die Zeit des Lockdowns vorhersagten!

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