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Seuche im Anthropozän : Was uns die Krisen lehrten

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Aber der Tod kann noch größere Trümpfe als Pandemien ausspielen – verdecktere, schleichendere, widersprüchlichere Gefahren, denen auch die modernsten Gesellschaften erliegen können. Weil sie diese Bedrohungen hartnäckig unterschätzen. Natürlich muss in diesem Zusammenhang von der menschengemachten Erderwärmung die Rede sein. Man muss hier nicht mit der Parade von zehntausend Belegen kommen, die zeigen, dass unsere Zivilisation mit (nach geologischen Maßstäben) stark überhöhter Geschwindigkeit auf eine Heißzeit zuschleudert, wo die Existenzgrundlage von Milliarden Menschen zusammenbrechen dürfte. Niemand will diese Erläuterungen im jetzigen Gemütszustand hören. Aber vielleicht mögen viele dem Physiker vertrauen, so wie sie dem Virologen vertrauen. Die wesentlichen Charakteristika der Corona-Krise lassen sich ohnehin auf die globale Klimakrise übertragen: die unerbittliche Gültigkeit der Naturgesetze; die kritische Bedeutung der Rechtzeitigkeit; die gelegentliche Notwendigkeit, alle Waffen, die man besitzt, ins Feld zu führen; die Bereitschaft, das Leben über das Geld zu stellen. Und auch die ominöse Kurve der weltweit kumulierten Covid-19-Fälle hat ein ikonisches Gegenstück, nämlich die berühmte Mauna-Loa-Kurve des Anstiegs der atmosphärischen CO2-Konzentration.

Lehren für den globalen Klimaschutz

Bleibt die Frage: Wie wollen wir es mit dem Klimaschutz halten? Wenn wir die Corona-Krise überstanden haben, vermutlich unter entsetzlichen Opfern, aber mit der Chance, die Moderne neu und sogar besser zu gestalten. Wenn wir uns der Fähigkeit bewusst geworden sind, Herausforderungen zu meistern, an denen frühere Generationen verzweifelt sind.

Für die Antwort muss man vor allem begreifen, was beim gesellschaftlichen Umgang mit Corona anders ist als beim Klima. Erstens: Während sich in den letzten Pandemiewochen der Respekt für die medizinisch-wissenschaftlichen Fachleute zu wohlverdienter Bewunderung gesteigert hat, dauert eine skeptische bis feindselige Haltung gegenüber der Klimawissenschaft in Teilen der Öffentlichkeit an. In den Vereinigten Staaten ist diese Einstellung unter den Republikaner-Wählern sogar weiterhin mehrheitsfähig. Zweitens: Die Virus-Bedrohung umgibt uns in sinnlich wahrnehmbarer Unmittelbarkeit. Schreckliche Entscheidungen über Leben und Tod im Rahmen der Triage müssen hier und jetzt getroffen werden, vielleicht von Ärzten, die wir persönlich kennen. Regierungen müssen hier und heute wählen zwischen kantianischen (Würde und Wohlergehen von Individuen) und utilitaristischen (Funktionsfähigkeit des Kollektivs) Strategien. Beim Klima kann man bequem Betroffenheit und Verantwortung anonymisieren und im Nebel der Zukunft verschwinden lassen.

Drittens: Im Kampf gegen Covid-19 erleben wir tatsächlich einen Honigmond der Solidarität. Die Menschen sind bereit, für eine überzeugend erklärte Politik persönliche Opfer zu bringen. Diese Bereitschaft hängt aber kritisch mit der fest erwarteten Befristung des Ausnahmezustands zusammen. Die Selbstlosigkeit dürfte rasch erodieren, wenn statt von Monaten ernsthaft von Jahren der massiven Einschränkung gesprochen würde. Beim Klima ist hingegen beharrliche Empathie mit jungen, ja auch noch ungeborenen Menschen über Jahrzehnte hinweg erforderlich. Mit anderen Worten, ein beispielloses zivilisatorisches Meisterstück.

Die Lehren aus der Corona-Krise sollten uns trotzdem dazu ermutigen, das Meisterstück zu wagen. Zumal die kurzfristigen Wohlstandsverluste gering wären und mittelfristig bereits in Gewinne umschlagen würden, wie Dutzende von Studien aufzeigen. Im Anthropozän sind wir technisch, ökonomisch und sozial stark genug, auch den bisher größten unserer selbstgestarteten Asteroiden abzulenken. Es braucht dafür Grundvertrauen in die Wissenschaft als System, antizipative Vorstellungskraft über die direkte Erfahrung hinaus und eine strategische Geduld, die selbst Michelangelos Tod zermürben würde. Man könnte diese Kombination von persönlichen Tugenden und gesellschaftlichen Stärken auch als Vernunft im eigentlichen Sinne der Aufklärung bezeichnen.

Im Anthropozän ist die Menschheit zu mächtig geworden – gegenüber sich selbst und gegenüber der Schöpfung – als dass sie es sich erlauben könnte, weitere dreißig Jahre unvernünftig zu sein. 1990 erschien der erste Sachstandsbericht des Weltklimarats.

Der Autor ist Gründer und Emeritus des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Mitglied der Päpstlichen Akademie und war Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen.

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