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Seuche im Anthropozän : Was uns die Krisen lehrten

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Grundvoraussetzung dafür ist der richtige Umgang mit der Zeit. Eine Epidemie lässt sich im Keim ersticken, wenn in ihrer Anfangsphase zwei oder drei maßgeschneiderte Gegenmaßnahmen getroffen werden. Hat man dies versäumt, muss man den mühsamen Weg der kontrolliert verzögerten Durchseuchung nach Maßgabe der verfügbaren Therapiekapazitäten gehen – oder in einem Kraftakt (nationale Ausgangssperre, Kriegswirtschaft) versuchen, epidemiologisch Zeit zurückzugewinnen. Dies sind kühl kalkulierende Strategien, die sich an Datensätzen und Modellrechnungen orientieren – eine Weltpremiere für die wissenschaftliche Politikberatung. Möglich und sinnvoll, weil die Covid-19-Pandemie einen eher simplen Fall von komplexer Dynamik (stochastische Ausbreitung eines träg mutierenden Virus in relativ homogenen Populationen) darstellt. In einem beispiellosen Massenkurs wird gerade die Öffentlichkeit mit der zentralen Kurvenschar der Infektionsentwicklung vertraut gemacht.

Nie war „Public Understanding of Science“ populärer und notwendiger. Diese Seuchendidaktik führt nun auch dem Laien vor Augen, was ein exponentieller Verlauf ist und was ein Wendepunkt bedeutet. Tatsächlich pausen sich die Naturgesetze in einer selbst für Wissenschaftler faszinierenden Klarheit in den weltweit geschauten Datengrafiken durch.

Bürger, Experten, Unternehmer, Politiker starren nun gemeinsam auf die bunten Schaubilder, die enthüllen, welches Land sich gerade in welchem Epidemiestadium befindet und wer wo kostbare Interventionszeit hat verstreichen lassen. Gnadenlos bestraft der winzige Erreger die wissenschaftsfeindlichen Tölpel unter den Regierenden und bestätigt die Rationalen unter ihnen. Das Abflachen der Neuinfektionskurve ist 2020 zum herausragenden Gesellschaftsprojekt geworden, so wie das Steigern des Bruttosozialprodukts in Vor-Corona-Zeiten.

Zierlicher Knochenmann

Wird mithin also doch alles gut im Anthropozän? Perspektivwechsel in die Sixtinische Kapelle: zu den Fresken von Michelangelo Buonarroti, dem größten Genie der Kunstgeschichte. Wenn man das Glück hat, die monumentale Imagination des Jüngsten Gerichts an der Kapellenstirn in Ruhe betrachten zu dürfen, dann entdeckt man ganz unten links eine rätselhafte Darstellung des Todes. Der zierliche Knochenmann ist in ein Tuch gehüllt und führt wie gedankenverloren die Finger seiner linken Skeletthand ans Kinn. Lange Zeit dachte ich, dass er eine Unterwürfigkeitshaltung gegenüber dem oben triumphierenden Christus einnähme, aber jetzt ist klar: Der Tod wartet – geduldig bis zum Ende des letzten aller Tage, wo schließlich überreiche Ernte an fehlbaren Menschen auf ihn herabregnet. Vorher schickt er seine Seuchen, die besonders schrecklich erscheinen, wenn sie aus dem weltöffentlichen Nichts (wie dem Wildtiermarkt von Wuhan) kommen.

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