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Seuche im Anthropozän : Was uns die Krisen lehrten

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In den dreieinhalb Jahrhunderten seit 1665 hat der wissenschaftliche Fortschritt die Menschheit unvergleichbar weiter gebracht als in den zehn Jahrtausenden Zivilisationsgeschichte zuvor. Inspizieren wir nur das High-Tech-Waffenarsenal, das uns bereits im Kampf gegen Sars-CoV-2 (und alle künftigen Krankheitserreger) zur Verfügung steht: Genomanalyse, Synthetische Biologie, Computersimulation, Big Data, Künstliche Intelligenz, 3D-Druckverfahren. Ob Diagnose, Prognose oder Therapie, wir leben auf einem ganz anderen Stern als Defoes leidgeprüfter Onkel. Binnen Wochenfrist nach offizieller Kenntnisnahme im Januar 2020 wurde das ursächliche Virus in Wuhan identifiziert und sequenziert. Auf der Website der Johns-Hopkins-Universität, die unablässig Daten aus aller Welt verarbeitet, kann jeder die Seuchendynamik online verfolgen wie ein Champions-League-Finale im Streamingdienst.

Die epidemiologischen Modellrechnungen der führenden Forschungsinstitute sind Kristallkugeln, mit denen jedes Land Wochen, Monate, ja Jahre in seine Corona-Zukunft schauen kann. Während dieser Text entsteht, laufen weltweit Dutzende Projekte zur Impfstoffentwicklung auf der Basis von Vektorviren, Virusproteinen und Erbgutschnipseln, von denen angeblich einige schon im Zeitraum von Monaten in die Massenproduktionsphase eintreten sollen. Mit Tracking-Apps werden in asiatischen Ländern die Infektionswege von Sars-CoV-2 quer durch die Bevölkerung nachverfolgt. Die sogenannte Maker-Szene brodelt vor Ideen zur Herstellung medizinischer Hardware (z.B. Beatmungsgeräte) nach dem Prinzip der computergestützten additiven Fertigung. Und staatlich verordnete Freiheits- und Gewerbebeschränkungen verlieren definitiv einen Teil ihres Schreckens, wenn man per Facebook oder Zoom Kontakt, Ausbildung und Beruf weiter pflegen kann.

Widerstandsfähiger als je zuvor

All das wäre noch in den prädigitalen 1950er Jahren unvorstellbar gewesen. Erst recht im 17. Jahrhundert, wo das Verhängnis in unerklärlicher, unvorhersagbarer und unheilbarer Weise über die Menschen hereinbrach. Die Qual der Ratlosigkeit entlud sich damals nicht selten in religiösen Exzessen und rassistischen Pogromen. Wie viel besser stehen wir heute da: Covid-19 kann und wird, anders als alle vorherigen Pandemien, durch strategische Intervention mit mächtigen Instrumenten beherrscht werden. Die Weltgesellschaft ist im 21. Jahrhundert nicht verwundbarer als in der Frühen Neuzeit, wie man fälschlicherweise aus Ursprung und Verbreitungsdynamik des Coronavirus schließen könnte. Nein, sie ist selbstwirksamer und widerstandsfähiger („resilienter“) denn je. Die Seuche wandelt sich im Anthropozän vom Schicksal zur gemeinsamen Herausforderung.

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