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Seuche im Anthropozän : Was uns die Krisen lehrten

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Was den gegenwärtigen epidemiologischen Großversuch angeht, können wir optimistisch sein. Dies sage ich keineswegs leichthin, sondern in Kenntnis der langen Seuchengeschichte des Homo sapiens, die einem das Blut gefrieren lässt. Frühere Pandemien, wie der Schwarze Tod, der 1347 auf genuesischen Handelsschiffen Europa erreichte, wurden von den Zeitgenossen als „das Ende der Welt“ empfunden und bewirkten menschliches Leid, das man sich nur unter Verlust der eigenen seelischen Gesundheit vorzustellen vermag. Wer sich dennoch darauf einlassen möchte, dem sei zur Chronik „Die Pest zu London“ von Daniel Defoe geraten. Der Autor von „Robinson Crusoe“ hat aufgrund genauer Recherchen und zahlreicher Augenzeugenberichte (einschließlich des Tagebuches seines Onkels Henry Foe) eine fiktive Reportage über jenen Seuchenausbruch im Jahr 1665 verfasst, welcher die englische Hauptstadt in die Hölle auf Erden verwandelte und gut ein Viertel seiner Einwohner dahinraffte. Die heute allseits gerühmte Sozialdistanzierung wurde damals auf grauenvolle, aber rechtlich und administrativ korrekte Weise von den Stadtautoritäten durchgesetzt: Befallene ließ man mitsamt Familie in ihren vernagelten Wohnstätten unversorgt zugrunde gehen. Die Vorstellung, dass dabei Hunderte von nichtinfizierten Kindern neben den Pestleichen ihrer Eltern verdursten mussten, hat mich nach der Lektüre jahrelang verfolgt, manchmal bis in den Schlaf.

Waren damals die Behörden gnadenloser, die Mitmenschen herzloser als heute? Abgestumpfter vom täglich zu moderierenden Elend, ergebener in die scheinbar unabänderlichen Lebensbedingungen – vermutlich ja. Aber kaum schlechter als wir. Es waren die unseligen Umstände und die erbärmlich begrenzten Mittel zur Einhegung der Seuche, welche die Londoner „grausam wie Hunde“ machte. Drängt man das Entsetzen zurück, dann erkennt man schnell, dass Defoes Pestjournal in mancher Hinsicht wie ein Drehbuch für den aktuellen Umgang mit der Corona-Pandemie wirkt. Parallelen wie die Flucht der Eliten aus der verseuchten Metropole drängen sich auf. Wenn derzeit die Superreichen per Instagram gutgelaunte Durchhalteparolen von ihren Privatinseln versenden, dann ist das noch kein Beleg dafür, dass unsere Gesellschaft in gemeinsamer Covid-19-Sorge die klassenlose Solidarität entdeckt hat. Hinter der Geste verbirgt sich im Gegenteil der krasseste aller Klassenunterschiede, nämlich die unterschiedliche Gefährdung durch den Seuchentod. Ich verzichte an dieser Stelle auf eine Erörterung der Zustände in den Migrantenlagern an den europäischen Grenzen.

Auf einem anderen Stern

Was sich nicht gewandelt hat, ist die menschliche Natur. Was hingegen drastisch anders ist als bei historischen Pandemien bis hinein ins späte 20. Jahrhundert, sind unsere stupenden Möglichkeiten der Seuchenbekämpfung. Dies gilt zweifelsohne für die hochentwickelten Industrieländer (inklusive China), aber – mit den offenkundigen Einschränkungen – sogar für den globalen Süden. Denn trotz aller nationalpopulistischer Entgleisungen rückt die Menschheit im Anthropozän unaufhaltsam weiter zusammen und teilt unzählige Innovationen. Warum nicht auch ein rettendes Medikament?

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