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Serie „Wildwechsel“ : Fasanenfang haftet nichts Heldenhaftes an

  • -Aktualisiert am

Etwas tölpelhaft, aber liebenswert: Der Fasan Bild: dpa

Keine „sexy species“, aber schutzbedürftig: Was der buntgefiederte Hühnervogel über die Technisierung der Landwirtschaft verrät.

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          Die Sprache der Jäger hat sich seit dem siebenten Jahrhundert ausgebildet und umfasst mehr als dreitausend Wörter. Einige dienen der Kategorienbildung, etwa Hochwild und Niederwild. Manche bezeichnen Körperteile von Wildtieren auf besondere Weise. So nennen Jäger die Füße der Fasanen Ständer und seine Federohrbüschel Hörner. Neben der Spezialisierung hat sich auch der umgekehrte Prozess ereignet, die umgangssprachlichen Übernahmen jägerischer Wendungen: Von etwas Wind bekommen oder auf der Strecke bleiben. Dreitausend Wörter sind eine Menge für ein schweigsames Handwerk, wenn man von den Schreien der Treiber bei Drückjagden absieht. Auf dem Ansitz wird allenfalls geflüstert.

          Doch Stummsein dient nicht einzig dem Schaden der Tiere. Was das Federwild betrifft, so schreibt der sächsische Ornithologe Alfred Willi Boback im Standardwerk „Buch der Hege“: „Eine weitere wichtige Hegemaßnahme ist Verschwiegenheit über Balz-, Brut- bzw. Einstandsgebiete, denn sobald ein Vorkommen erst bekannt wird, setzt oft eine Massenwanderung nach dort ein.“

          Hochwild und Niederwild

          Der Auerhahn, auf den sich Bobacks Warnung bezog, zählt zum Hochwild, nicht zum Niederwild, eine jagdsprachliche Unterscheidung, die sich weder auf die optimalen Höhenmeter des Habitats einer Wildart bezieht noch auf die Körpergröße einer Art, sondern jagdrechtlichen Ursprungs ist. Hochwild – Schalenwild (außer Rehwild), Auerhahn, Steinadler und Seeadler – durfte nur vom höheren Adel erlegt werden, das Niederwild – Hase, Rebhuhn, Fasan, Fuchs und Reh – auch vom niederen Adel und anderen Privilegierten.

          Diese Unterscheidung war mit dem Sozialismus nicht gut vereinbar, wenn sich auch die jagdlich interessierte politische Führungsschicht der DDR als Erben adliger Privilegien betrachten mochte. Das „Buch der Hege“, das in der DDR erschien, arbeitet stattdessen mit der Unterteilung in Haarwild und Federwild. Beim Federwild, so Stubbe einleitend, sei „ein starker Rückgang der Bestände festzustellen, der seine Ursachen in einem Komplex von Erscheinungen hat“. Und gänzlich unideologisch zählt er sie auf: „Die mit der sozialistischen Landwirtschaft eng verbundenen einheitlich bestellten Großflächen, umfassende Meliorationsmassnahmen, die verstärkte Anwendung von mineralischen Düngemitteln, von Pflanzenschutzmitteln und von Herbiziden aller Art sowie vor allem die zunehmende Technisierung mit schnell fahrenden Maschinen, die den Verlust vieler Gelege unvermeidlich machen, haben sicherlich dazu beigetragen, so manchen Biotop zu verändern. Empfindlichen Federwildarten werden dadurch keine Lebensmöglichkeiten mehr geboten.“

          Seine Bestände zählt man im Juli

          Vor vierzig Jahren hinter der Mauer geschrieben, sind diese Sätze auch heute nur zu wahr. Wirtschaftliche Effizienz als bäuerliche Handlungsmaxime bereitet Stalltieren viel Leid, unter den Wildtieren bedroht es ganze Arten mit dem Aussterben oder ihrer Vertreibung aus vielen Regionen. Das trifft auf den zum Federwild wie zum Niederwild zählenden Fasan unbedingt zu. Seine Bestände zählt man im Juli. Man muss feststellen, ob der Zuwachs groß genug ist, um im Herbst jagen zu können. Der arme Fasan ist ein Indikator für die Technisierung der Landwirtschaft, er wird praktisch nur gehegt und nicht geschossen, so wenige gibt es. Zwar liebt der buntgefiederte Hühnervogel halboffenes Kulturland, wie es in Deutschland nicht selten ist, aber er braucht am Ackerrand neben Wasser aus Teich, Bach oder Fluss auch Rückzugsgebiete. Zur Flucht müssen Blühstreifen, Hecken und Feldgehölze verbunden sein, denn der Laufvogel, der selten und wenn, dann senkrecht auffliegt, schnell, aber nie weit durch die Luft flieht, wird sonst auf offener Bühne gefressen – vom Fuchs zum Beispiel.

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