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Serie „Wildwechsel“ : Redet mehr über dieses Tier!

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Mufflons fristen in der Ökonomie der Aufmerksamkeit zu Unrecht ein Schattendasein. Bild: Picture-Alliance

Alles andere als ein Opferlamm: Das fabelhafte Wildschaf Mufflon ist standorttreu, weitsichtig und ohne Arg.

          3 Min.

          Das schafssüße Gesicht der Mufflons mutet fremd, wild, archaisch an – und zugleich vertraut. Einerseits denken wir: Oh, gewundenes Gehörn! Je größer diese jagdsprachlich Schnecken genannten Ausbildungen sind, desto älter und desto stärker muss das Tier sein. Andererseits strahlt der Mufflon gar keine Kampfeslust aus, eher eine Art heiligen Ernst. Es ist ein Augentier, es schaut dich an, und wenn tausend Meter zwischen euch liegen, es sieht dich. Das ist für das Entkommen des guten Kletterers immens wichtig, der es auf ebenem Grund kaum schafft, weiter als hundert Meter um sein Leben zu rennen.

          Während das weibliche Tier, Schaf genannt, ohne Schnecken erscheint und insgesamt schlichter, blasser, heller wirkt als das männliche, ist die Zeichnung des Fells bei den sommers rötlich, winters dunkelbraunen Widdern auffällig und schön. Auf seinen Flanken leuchtet eine weiße runde Stelle, man nennt das Sattelfleck oder Schabracke. Schnute und Augen sind ebenfalls weiß umrahmt, weiß wie der Flaum an den Innenseiten der Ohren. Es wird einem warm bei diesem Anblick. Wo Schafe sind, ist Wolle, sind Wiesen, Kräuter, isst man Schafskäse. Aber das zu assoziieren heißt, den Brunnen der Zeitentiefe nicht tief genug gegraben zu haben, um es mit Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“ zu sagen, in dem Joseph sein Talent zur Vermögensvermehrung allerdings an Hausschafen beweist. Die wilden haben im Unterschied zu ihren zahmen Verwandten ein glattes, kurzes, eher sticheliges, wenn auch anliegendes Fell. Zeigen sie Zeichen wolligeren, weicheren, kräuseligen Fells, sind das die Folgen einer Hausschafeinkreuzung.

          Aufs Neue eingebürgert

          Mufflons – Europas einzige Wildschafart – haben schon unsere Urahnen gejagt, ihre Erscheinung spricht von den Metamorphosen der Götter zu Tieren und zurück, von der Zeit, als der Mensch noch in der Höhlen lebte, und auch vom Prozess der Domestizierung. Wissenschaftlich ist umstritten, ob sie die Vorfahren unserer Hausschafrassen sind oder umgekehrt von verwilderten Hausschafen abstammen; so als ob sich Hunde zum Wolf zurückentwickeln würden.

          Soviel über Wölfe geredet wird, so wenig ist die Rede von den Muffeln. Dabei übersteigt ihre Zahl von etwa 25 000 derzeit noch die der Wölfe weit. Etwa 30 wilde Schafsarten gibt es weltweit. Das Vorkommen von Mufflons ist verbürgt in der Jungsteinzeit. Seit dem 16. Jahrhundert sind sie hier und da in Europa heimisch gemacht worden. Aufs Neue eingebürgert und ausgewildert wurden sie seit dem neunzehnten Jahrhundert als ein Relikt der Antike, verbracht aus Korsika und Sardinien.

          Passend zu der kargen Vegetation dort, stellt der Muffel den genügsamen Grasfressertyp dar: Gräser machen siebzig Prozent seiner Nahrung aus, Blätter von Bäumen und Sträuchern etwa fünfzehn Prozent, Kräuter, Samen und Früchte den Rest. Muffel gedeihen gut in deutschen Mittelgebirgen. Das Wildschaf liebt Wald mit Blößen, es muss weit schauen können, denn seine Augen sind seine wichtigsten Sinnesorgane. Die Böden sollen steinig oder felsig sein, nicht zu weich oder sandig, denn sonst reibt sich das Horn seiner Schalen, wie man die Füße der Paarhufer nennt, nicht ab, eine scheußliche Vorstellung; die Tiere würden dann an der Moderhinke genannten Klauenfäule erkranken.

          An ungefährlichen Gestaden

          Das Wildschaf ist standorttreu, und wer versucht, es anzupirschen, ihm heimlich nachzuklettern, muss schon ein sehr guter, lautloser Waldläufer sein, um das instinktiv wachsame, Verfolgung argwöhnende Tier zu überlisten. Es ist ohnehin selten, dass ein Mufflon erjagt wird. Die Tiere sind so rar, dass nur etwa 7400 Stück im Jahr erlegt werden, verglichen mit der Zahl von 800000 Wildschweinen, macht sie das zu besonderer Beute – und eine besonders köstlich schmeckende Beute sind sie auch. Wer sie in seinen Wäldern vorfindet, zieht es gleichwohl oft vor, sie zu beobachten, statt sie zu erlegen. In Brandenburg oder Sachsen-Anhalt frisst der Wolf sie weg. Muffel erkennen im Wolf nicht das Raubtier, auch wenn sie ihn noch so genau anschauen, und wo es keine steilen Hänge gibt, starren sie so lange zurück, bis es zu spät ist. Im Harz werden sie zur Beute des dort wieder heimischen Luchses.

          Im Muffel ein Opfertier zu sehen wäre trotzdem falsch. Denn zu Opferzwecken antiker Kulte wurden Hausschafe herangezogen. Der berühmte wilde Widder, dessen Blut in der griechischen Mythologie fließt, befiehlt seine Opferung selbst. Hermes, der göttliche Bote, hat ihn den bedrohten Geschwistern Phrixos und Helle zur Rettung vor ihrer Stiefmutter gesandt. Chrysomallos hieß er, war geflügelt und konnte sprechen. Alte Vasenbilder zeigen ein weißes, schlankes Tier mit prächtigen Schnecken. Phrixos sitzt auf dem Rücken des Tieres, das knapp über dem Mittelmeer schwebt. Verzweifelt streckt er die Hand nach der im Wasser treibenden Schwester aus, doch Junge und Widder können sie nicht erreichen, sie ertrinkt: Nach ihr ist der Hellespont benannt. Der Widder fliegt in den eigenen Tod. Nach der Ankunft an ungefährlichen Gestaden befiehlt das Heldentier Phrixos, es zum Dank an die Götter zu verbrennen. Übrig bleibt das Goldene Vlies, sein – wie Altertumsforscher vermuten – durch das Bad in goldstaubhaltigen Gewässern glänzend getränkter Balg.

          Das entsetzliche Vlies, möchte man sagen, das die zauberkundige Medea ihrem Vater entwendet, um es aus Liebe dem fremden Krieger Jason zu schenken. Für die tödlichen Konsequenzen konnte der wilde Widder nichts. Von Raubtieren verstehen Muffel wenig, weder von vierbeinigen noch von zweibeinigen. Je mehr sie in Gefahr sind, von den vierbeinigen weggefressen zu werden, desto besser sollten die zweibeinigen sie hegen.

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