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Serie: Mein Fenster zur Welt : Auch Worte können ansteckend sein

  • -Aktualisiert am

Blick aus dem Fenster von Siri Hustvedt Bild: privat

So sehr ich mich vor der Krankheit fürchte, so sehr fürchte ich mich in diesem Moment auch vor der Rhetorik unseres Präsidenten. Beides ist potentiell tödlich.

          3 Min.

          Der Blick aus dem Fenster meines Arbeitszimmers, in dem ich seit Jahren jeden Tag arbeite, hat sich nicht verändert. Ich sehe die Rückseiten derselben Brooklyner Häuser, dieselben durchhängenden Telefon- und Stromleitungen, einige davon überwuchert von Pflanzen, die gerade Knospen treiben. Es ist ruhiger als sonst. Keine Stimmen. Vögel fangen plötzlich an zu zwitschern und verstummen ebenso plötzlich wieder. Die Aussicht ist dieselbe, aber in diesen Tagen ist sie getrübt von Furcht. Vor dem Bellevue Hospital in Manhattan haben sie eine improvisierte Leichenhalle errichtet, um die Virustoten unterzubringen. Eine weitere wurde in Queens aufgestellt. Das Krankenhauspersonal hat nicht genug Masken, Handschuhe und Kleidung, um sich selbst zu schützen. Der Mangel an Beatmungsgeräten im Staat ist katastrophal. Bald werden Entscheidungen getroffen werden müssen, wer überlebt und wer stirbt.

          Noch genug Essen für zwei Tage

          In der Zeitung: ein Foto der leeren Fifth Avenue. Der Fahrer eines gelben Taxis, Nino Hervias, sagt: „Wir haben noch genug Essen für zwei Tage.“ Ich sorge mich um meine Schwester in Manhattan und meinen Neffen in Minnesota, beide sind „vorerkrankt“, haben ein geschwächtes Immunsystem. Ich war eine Woche lang krank. Ich habe mich erholt. Meinen Mann hat es nach mir erwischt. Auch er hat sich erholt. Keiner von uns wurde getestet. Die Tests sind nur für die schweren Fälle.

          Wir werden wahrscheinlich nie erfahren, ob wir Covid-19 hatten oder etwas anderes, aber wir waren die ganze Zeit in unserem Haus isoliert und sind es nach wie vor. Die virale Seuche hat sich seit Januar verbreitet. Ein befreundeter Wissenschaftler schickte Berichte aus der roten Zone in Italien und warnte uns, wir sollten jedwede Vorsichtsmaßnahme treffen. Aber Tag für Tag haben wir dem Gepolter und dem Wunschdenken des Irren an der Spitze zugehört. Das Virus wird „verschwinden“, „wie ein Wunder“; „Wir haben ihm den Garaus gemacht. Wir haben ihn gestoppt“; das Virus ist eine „Falschmeldung“, es ist das „fremde Virus“; „Wir brauchen die Mauer mehr denn je.“ Während die Zahl der Kranken und Toten stieg, meinte er: „Ich habe das chinesische Virus schon immer sehr ernst genommen und habe einen guten Job gemacht, von Anfang an, einschließlich meiner sehr frühen Entscheidung, die ,Grenzen‘ zu China zu schließen – gegen den Willen von vielen. Das hat eine Menge Leben gerettet.“

          Auf die Sprache kommt es an. Trump und seine Kumpanen vermischen das reale Virus mit einem metaphorischen. Das virale Fremde, das den reinen Staat befällt, ist ein alter Topos. „Das Judentum stellt eine infektiöse Erscheinung dar, die ansteckend wirkt“ (Goebbels, Sportpalastrede, 1943). „Der Islam ist ein Virus“ (Neil Boortz, rechtsstehender amerikanischer Radiomoderator, 2006). „Enorme Mengen an Infektionskrankheiten strömen über die Grenzen“ (Trump, 2015). „Freiheit ist erst möglich, wenn das Virus ausgerottet ist“ (Chinesisches Regierungsdokument zu Glauben und Kultur der Uiguren, die in chinesischen Konzentrationslagern festgehalten werden, 2019). „Denn wir alle, ob ernsthaft oder leichtfertig, verheddern uns mit unseren Gedanken in Metaphern und handeln unheilvoll nach ihrer Maßgabe“, schreibt die Erzählerin in George Eliots „Middlemarch“, erschienen 1870. Das Covid-19-Virus ist keine Metapher. Viren sind ein allgegenwärtiger, genetisch vielfältiger Teil aller Ökosysteme. Und sie sind ein Teil von uns. Das menschliche Virom beinhaltet Viren, die unsere Zellen beeinflussen, Elemente, die von alten Viren in unseren Chromosomen stammen, sowie Bakteriophagen – Viren, die sich stark auf unser Mikrobiom auswirken –, die Bakterien in unseren Körpern und auf unserer Haut. Ihre DNA ist nicht die unsere. Der Tanz der komplexen Beziehungen in unseren Körpern, dem Mikrobiom und dem Virom, entscheidet über Gesundheit oder Krankheit eines Menschen. Wo verläuft die Grenze zwischen ihnen und uns? Die Pandemie zeigt, wie lächerlich Xenophobie auf dieser kleinen und gefährdeten Erde ist.

          Globale ökologische Interdependenz

          Manche Viren wirken sich positiv auf ihren Wirt aus. Andere schaden ihm. Die Debatte, ob sie am Leben sind oder tot, ist in vollem Gange. Ohne einen Wirt ist ein Virus inaktiv. Aber wenn es aktiv ist, kann es von Wirt zu Wirt springen, von einem Säugetier auf das andere, von einem Tier auf dem Viehmarkt auf einen Menschen. Womöglich haben die Abholzung und der Klimawandel diese Übersprünge der Viren begünstigt. Womöglich hat die abnehmende Artenvielfalt die Wahrscheinlichkeit von Pandemien erhöht. Die Debatte über all dies hält an, aber so viel ist sicher: Der Mensch existiert als Teil der Natur, nicht außerhalb von ihr. Wir sind Herdentiere, in voller Abhängigkeit voneinander rund um den Globus, aber wir sind ebenso mit unsichtbaren Populationen in unserem Körper verwoben. Wir brauchen sie, aber sie können uns auch krank machen. Das ist die wichtige Lektion des Virus: globale ökologische Interdependenz. Unsere Worte sind ebenso notwendig zum Überleben, und auch sie sind ansteckend. Hier in New York, dem neuen Epizentrum des Virus, fürchte ich mich vor beidem: der Krankheit, die meine Heimatstadt heimsucht, und der hässlichen Rhetorik von höchster Stelle. Beide sind potentiell tödlich.

          Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bacon.

          Von Siri Hustvedt, Jahrgang 1955, erschien auf Deutsch zuletzt „Damals“.

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