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Leben in der Ostukraine : Der unsichtbare Krieg

  • -Aktualisiert am

Pro-russische Aktivisten vor der von ihnen besetzten Polizeiwache in Slawjansk Bild: AFP

Die Realität ist viel komplizierter und trauriger als die Bilder im Fernsehen: Wir sind in einen echten Krieg hineingeraten. Wie es ist, in diesen Tagen in der Ostukraine zu leben.

          7 Min.

          Neuerdings werde ich immer wieder gefragt, wie das Leben im Osten der Ukraine im Moment aussieht. Wie es ist, in diesen Tagen dort zu sein. Ich verstehe, dass unser Bild von der Wirklichkeit immer öfter von Fernsehbeiträgen oder Fotos geprägt wird. Daher nehmen wir die Dinge im Allgemeinen so wahr, wie sie uns nachbearbeitet durch die Nachrichtenagenturen präsentiert werden. Die Realität ist allerdings meistens anders. Sie ist viel komplizierter und trauriger als die Bilder im Fernsehen.

          Seit zwei Monaten ist es unruhig und gefährlich in den Städten der Ostukraine. Begonnen als friedliche prorussische Demonstrationen, haben sich die Aktionen des sogenannten „Russischen Frühlings“ zu einem echten bewaffneten Konflikt entwickelt - mit besetzten Verwaltungsgebäuden, Hunderten von Verletzten (und neulich auch Toten) und einer anberaumten Anti-Terror-Operation der ukrainischen Regierung gegen die Separatisten im Gebiet Donezk. Ich glaube, dass vor anderthalb Monaten kaum jemand solche Entwicklungen voraussehen konnte. Die Anhänger vom „Majdan“, also Menschen, die die ukrainische Revolution unterstützt haben, darunter auch ich, konnten sich Folgendes jedenfalls nicht vorstellen: Dass sie sich nun gegen ihre eigenen Landsleute wehren müssen, die die neue Regierung in Kiew nicht anerkennen und es für möglich halten, im Nachbarland um militärische Unterstützung zu bitten.

          Nach Protesten gegen das Regime, gegen den Präsidenten und seine Clique haben sich die Ereignisse in den Osten des Landes verlagert und zu einem echten gesellschaftlichen Konflikt entwickelt, gewissermaßen einem Bürgerkrieg. Das massenhafte und brutale Zusammenschlagen von „Euromajdan“-Aktivisten durch die Vertreter von „Antimajdan“ in Charkiw, Luhansk und Donezk auf der einen und der „Schandkorridor“ für die Separatisten in Saporischja auf der anderen Seite haben die Proteste in diesen Städten längst von friedlichen Demonstrationen zu Straßenschlachten und allgemeiner Aggression mutieren lassen.

          Wir haben doch so viel gemeinsam

          Was steckt dahinter? Ich glaube, Angst und Verunsicherung. Es ist die Angst, die dich aggressiv macht. Es ist die Verunsicherung, die dich dazu bewegt, in jemandem einen Feind zu sehen, dem du bisher Hunderte Male in der U-Bahn oder im Supermarkt begegnet bist. Ein verunsicherter Mensch akzeptiert bereitwillig ein für ihn geschaffenes Feindbild; er ist eine leichte Beute für Manipulationen unsichtbarer Strippenzieher.

          Ich kann mich sehr gut an die blutige Schlacht um die Gebietsverwaltung von Charkiw am 1. März erinnern, nach der mehr als hundert Bürger der Stadt, hauptsächlich junge Menschen, in die Krankenhäuser eingeliefert wurden. Es war klar, dass die Menschenmasse, die das Gebäude stürmte - einige tausend Männer mit Schlagstöcken und Stichwaffen -, vor allem aus Charkiwer Bürgern bestand, auch wenn sich russische „Touristen“ und professionelle halbkriminelle Schlägertypen daruntergemischt hatten. Es waren Bürger von Charkiw, die zuvor vielleicht noch nie im Leben bei einer Demonstration gewesen waren, sich aber plötzlich von der allgemeinen Hysterie anstecken ließen, dass sich in dem Gebäude „Banderiwzi“ aus der Westukraine befänden. Es kam zu einem regelrechten Pogrom, mit brutalen Misshandlungen junger Charkiwer Bürger. Damals dachte ich noch, dass dieser Hass- und Gewaltausbruch die Situation beruhigen und die Lage etwas entschärfen würde. Ich dachte, die Hitzköpfe werden den Unterschied zwischen Einbildung und Wahrheit bemerken und sich beruhigen. Wir haben doch, dachte ich, so viel gemeinsam: gemeinsame Probleme, gemeinsame Zukunft, und - das Wichtigste - ein gemeinsames Land. Damals, vor anderthalb Monaten, glaubte ich immer noch an einen friedlichen Protest und die Möglichkeit zur Verständigung. Die Realität war allerdings wieder einmal komplizierter und trauriger.

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