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Leben in der Ostukraine : Der unsichtbare Krieg

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Dafür ist die Angst keine Rechtfertigung

Die nächste Demonstration, die am Ostersonntag stattfinden sollte, haben die Majdan-Anhänger abgesagt. Dafür versuchen die Separatisten jetzt, ihre Anhänger über die sozialen Netzwerke maximal zu mobilisieren - das Beispiel der „Donezker Republik“ spornt sie zu weiterer Eskalation an, die Passivität der Sicherheitskräfte heizt die Radikalisierung an. Zwei Monate der Konfrontation. Zwei Monate der Anspannung und Unruhe. Keine Kompromissbereitschaft zu erkennen. Kein Hauch von Versöhnung weit und breit.

Wir Ukrainer befinden uns heute in einer äußerst komplizierten und dramatischen Lage. Ganz unerwartet für uns selbst müssen wir unser Verhältnis zu unserem Land definieren, zu unserer Unabhängigkeit und - wie pathetisch das auch klingen mag - zu unserem Vaterland. Denn es geht schon lange nicht mehr um bürgerliche Unzufriedenheit oder gesellschaftlichen Widerstand. Es geht um eine reale Okkupation und, auch wenn es traurig ist, um Kollaboration, um die Zusammenarbeit mit der Besatzungsarmee. Ich glaube, das verändert gerade grundlegend die Ansichten vieler, die bisher mehr oder weniger neutral waren. Plötzlich ist klar, dass wir alle etwas zu verlieren und zu riskieren haben. Plötzlich ist klar, dass wir alle ein Vaterland haben. Sei dies auch wirtschaftlich schwach, sozial ungerecht und von Korruption durchdrungen - aber es ist unser Vaterland. Ein anderes haben wir nicht. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit und der gemeinsamen Grenzen erweist sich als viel zu fundamental und zu wichtig, um es leichtfertig zu ignorieren. Denn es ist eine Sache, für die Föderalisierung einzutreten, und eine andere, wenn man dabei Soldaten eines anderen Staates unterstützt. So etwas lässt sich nur schwer mit der Angst vor der neuen Regierung oder mit der Sorge um die russische Sprache rechtfertigen. Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde alles viel zu ernst und viel zu gefährlich.

Ein Krieg, aus dem wir herausfinden müssen

Wie wir alle dieser Gefahr ausweichen, wie wir sie entschärfen können, ist die Frage, die uns jetzt umtreibt und mit Sorge erfüllt. Diejenigen, die weiter friedlich demonstrieren, und diejenigen, die die Verwaltungsgebäude besetzen. Niemand will hier auswandern, niemand hat die Absicht, sein Haus zu verlassen, alle wollen wir ein ruhiges und friedliches Leben führen. Aber wie geht ein friedliches Leben mit so vielen Schusswaffen?

Wir sind in einen echten Krieg hineingeraten, der zwar oft unsichtbar ist, (bisher) ohne Luftwaffe und Artillerie geführt wird, aber es ist doch ein Krieg. Ein Krieg, der uns voneinander trennt und uns alle bedroht. Ein Krieg, aus dem wir herausfinden müssen. Am besten zusammen. Am besten, ohne jemanden zurückzulassen oder aufzugeben. Denn so oder so sind wir dazu verdammt, mit derselben U-Bahn zu fahren. Hoffen wir nur, dass diese U-Bahn für uns nicht zum Luftschutzbunker wird.

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