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Leben in der Ostukraine : Der unsichtbare Krieg

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Ich bin mir nicht sicher, ob diese Szene für den deutschsprachigen Leser verständlich ist. Ich weiß, wie barbarisch und unglaubwürdig das klingt - im Zentrum einer Millionenmetropole, der „intellektuellen Hauptstadt“ der Ukraine, zwingt der aufgebrachte Mob drei Dutzend Landsleute in die Knie, bewirft sie mit Steinen und reißt ihnen die Kleidung weg. Man muss sich das so vorstellen - rote Fahnen und orthodoxe Ikonen, Schlägertypen mit Baseballschlägern und Rentnerinnen, die auch an die umzingelten „Faschisten“ herankommen wollen, die Polizei, die kaum Einfluss hat, und die „Gäste aus Russland“, die professionell ihre Arbeit verrichten. Später berichteten russische und separatistische Medien, dass in Charkiw „friedliche Demonstranten“ Mitglieder des „Rechten Sektors“ in die Knie gezwungen hätten. Unter den Zusammengeschlagenen war auch mein guter Freund Wasja, ein Musiker. Seine Band hatte auf der Demonstration gespielt. Unter anderem einen Song von den Beatles: „All You Need Is Love“.

In jener Nacht besetzten die Separatisten dann das Gebäude der Gebietsverwaltung und verschanzten sich darin. Die Polizei hinderte sie nicht sonderlich daran. Nun waren sie in dem Gebäude, wie wir es vor anderthalb Monaten gewesen waren. Alles wiederholte sich, von Ruhe und Verständigung konnte nicht die Rede sein.

Wieder eine Metzelei mit Dutzenden von Schwerverletzten

Am nächsten Morgen lief ich gegen neun Uhr zur Gebietsverwaltung - über die sozialen Netzwerke hatte ich von einer neuerlichen Demonstration erfahren. Es war zu einer allgemeinen Mobilisierung gegen die „separatistische Bedrohung“ aufgerufen worden. Vor dem Gebäude standen etwa dreihundert Separatisten. Vermummte Männer mit Baseballschlägern. Vor dem Eingang war über Nacht hastig eine Holzbarrikade errichtet worden. Aus den Fenstern des ersten Stockwerks sahen ein paar Frauen heraus. Eine Polizeikette riegelte die Separatisten von Demonstranten mit gelb-blauen Flaggen ab, die sich allmählich auf dem Platz vor dem Gebäude versammelten. Es waren ein paar hundert überwiegend junge Menschen, Frauen, städtische Intelligenzija. Ein totaler Pazifismus. Es sah kein bisschen nach einer allgemeinen Mobilisierung aus. Einwohner einer Stadt, Bürger eines Landes standen sich gegenüber, getrennt durch eine Straße und eine Polizeikette, und sahen sich gegenseitig voller Misstrauen, Groll und Entrüstung an. Es hat keinen Sinn, hier zu stehen, dachte ich, und ging wieder nach Hause. Etwa eine halbe Stunde später stürzten sich dann die bewaffneten Separatisten auf die andere Gruppe. Sie schlugen auf Frauen und Studenten ein. Die Polizei sammelte wie üblich die Verletzten auf. In der darauffolgenden Nacht vertrieben Sicherheitskräfte die Separatisten aus dem Gebäude. Beim Abzug zündeten diese Autoreifen an. Das Gebäude fing Feuer. Etwa sechzig Personen wurden festgenommen.

Am vergangenen Wochenende gab es wieder zwei Demonstrationen. Ich fühle mich seltsam, wenn ich darüber schreibe. Sie endeten wieder in einer Metzelei, die prorussische Aktivisten anrichteten. Alles genau wie eine Woche zuvor - Blut auf den Bürgersteigen, Dutzende von Schwerverletzten, Krankenwagen, die es kaum schaffen, die Verletzten herauszubringen, Sankt-Georgs-Bänder, Polizisten, die nichts kontrollieren, mit Blut beschmierte Staatsflaggen.

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